Buch 
Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
Entstehung
Seite
409
JPEG-Download
 

Die neueren Naturwissenschaften.

409

bracht, und doch hat das Experimentiren über diese Seite der Le-bensbedingungen kaum begonnen. Ja, bei niedern Pflanzen kommtin der Tliat die Verschmelzung zweier Zellen neben der Theilung vorund bei niederen Thieren hat man sogar auch die förmliche Ver-schmelzung zweier Individuen wahrgenommen. Die Strahlenfüss-chen, eine Generationsfolge der Glockenthierclien (vorticella)nähern sieh häufig einander, legen sich innig aneinander, und esentsteht an der Berührungsstelle zuerst Abplattung und dann voll-ständige Verschmelzung. Ein ähnlicher Copulationsprocess kommtbei den Gregarinen vor und selbst bei einem Wurme, dem Diplo-zo on, fand Sieb old, dass er durch Verschmelzung zweier Diporpenentsteht.

Die relative Einheit tritt bei den niederen Thieren besondersmerkwürdig hervor bei jenen Polypen, welche einen gemeinsamenStamm besitzen, an welchem durch Knospung eine Menge von Gebil-den erscheint, die in gewissem Sinne selbständig, in andrer Hinsichtdagegen nur als Organe des ganzen Stammes zu betrachten sind.Man wird auf die Annahme geführt, dass bei diesen Wesen auchdie Willensregungen tlieils allgemeiner, theils specieller Natur sind,dass die Empfindungen aller jener halb selbständigen Stämme inRapport stehen und doch auch ihre besondere Wirkung haben. Vogthat ganz Recht, wenn er den Streit um die Individualität dieserWesen einen Streit um des Kaisers Bart nennt. „Es finden all-mählige Uebergänge statt. Die Individualisation nimmt nach undnach zu.“

So zeigt uns das Gebiet der kosmischen Fragen allenthalben denSieg der Gesetzmässigkeit auf Gebieten, wo bisher ein mystischesDunkel herrschte. Wir hätten Wolken und Winde in die Betrachtungzielin und Doves Eroberungen auf diesem bisher so unzugänglichenGebiete der Entdeckungen und Folgerungen unsrer Chemiker, Phy-siker und Physiologen anführen können, um zu zeigen, wie sich dasNetz systematischer Erkenntniss über dem ganzen Bereich der Er-scheinungswelt zusammenzieht. Doch was für Epikur und Lucrez einWerk von äusserster Wichtigkeit gewesen wäre, das ist für unserZeitalter nur die wissenschaftliche Ausführung eines längst antecipir-ten Gedankens. Die Götter schrecken nicht mehr mit Sturm undSonnenbrand; das Gcmtith des Wissenden ist frei. Nach dieser Seiteist die Aufgabe des Materialismus erfüllt — erfüllt in einem Augen-blicke, wo es zugleich über jeden Zweifel erhaben ist, dass der Ma-