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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Art, in welcher die Vorurtheile berühmter Männer durch Thatsachenniedergeworfen wurden, während sie im vollen Glanz eines wissen-schaftlichen Dogmas prunkten.

Die Dogmen von den Erdrevolutiouen, von dem successivenAuftreten der Geschöpfe, von dem späten Erscheinen des Menschenwaren von vornherein dem Materialismus und mehr noch dem Pan-theismus entgegengestellt. Während Buffon, De la Mettrie, undspäter die deutschen Naturphilosophen, Goethe an der Spitze, denGedanken der Einheit der Schöpfung lebhaft ergriffen, und die hö-heren Formen durchweg aus den niedern zu entwickeln versuchten,war es namentlich Cuvier, der als feinster Kenner des Einzelnendiesen Einheitsbestrebungen entgegentrat. Er fürchtete den Pantheis-mus. Goethe vertrat grade diese pantheistische Einheitsphilosophieam vollkommensten; schon früher gerieth er mit Camper und Blu-menbach wegen des Zwischenknochens in Differenz, der angeblichden Affen vom Menschen scheiden sollte, und bis zu seinem Todefolgte er den Streitigkeiten über die Einheit aller Organismen mitder grössten Aufmerksamkeit. So theilt er uns denn auch eine mür-rische Aeusserung Cuvier’s mit: „Ich weiss wohl, dass für gewisseGeister hinter dieser Theorie der Analogieen, wenigstens verworrenerWeise, eine andere sehr alte Theorie sich verbergen mag, die, schonlängst widerlegt, von einigen Deutschen wieder hervorgesuchtworden, um das pantheistische System zu begünstigen,welches sie Naturphilosophie nennen.“ — Dieser Stolz des positivenWissens gegenüber der überschauenden Gesammtansicht, der Eiferdes unterscheidenden Forschers gegenüber den zusammenfassendenDenkern machte Cuvier blind gegen den grossen logischen Unter-schied zwischen dem Fehlen eines Beweises und dem Beweis für dasFehlen eines Vorkommnisses. Man kannte keine fossilen Menschen,und er tliat den Machtspruch, dass es keine geben könne.

Ein solcher Ausspruch muss um so mehr auffallen, da ein ne-gativer Satz in der Naturgeschichte überhaupt nur einen untergeord-neten Werth hat; bei dem äusserst geringen Tlieil der Erdoberfläche,welcher damals durchforscht war, wäre es gradezu räthselhaft ge-wesen, dass man sich zu einer so allgemeinen Behauptung veranlasstfinden konnte, wenn nicht der Zusammenhang mit der Lieblingstheo-rie der successiven Schöpfung eine Erklärung dafür gäbe. Diesuccessive Schöpfung war aber eine Art von Umgestaltung der bib-lischen Lehre von den Schöpfungstagen, die noch jetzt, wo sie