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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

noch von Zufall reden? Uebrigens kann man der Arbeit folgen,mittelst welcher der Urmensch der Kinnlade diese Gestalt gab. Mankann an jedem dieser zwanzig Kinnbacken die Einschnitte und Sägen-züge zählen, welche mit der Schneide eines schlecht zugeschärftenKieselmessers gemacht wurden.“ In grossen Massen hat man dieSteininstrumente im Thal' der Somme gefunden, und Boucher dePerthes hat der Anerkennung seiner Entdeckungen nicht wenig da-durch geschadet, dass er manchen Stücken eine zu künstliche Deu-tung zu geben versuchte. Der Kreideboden jener Gegenden ist reichan Feuersteinknollen, welche man nur so lange aufeinander schlagenmuss, bis einer bricht, um aus den Bruchstücken Tlieile zu erhalten,welche nach einiger ferneren Behandlung die Aexte und Messer derDiluvial-Menschen ergeben. Da nun auch der Affe schon gelegent-lich sich des Steins als eines Hammers bedient, so könnte es schei-nen, als ertappten wir hier den Menschen auf einer noch ganz nahan die Entwicklung des Thieres grenzenden Stufe. Doch ist derUnterschied ein ungeheuer grosser; denn eben die Ausdauer, welcheauf die Fertigung eines Instrumentes verwandt wird, das sich nurmässig über die Leistungen eines natürlichen Steines oder Steinsplit-ters erhebt, zeigt eine Fähigkeit von den unmittelbaren Bedürfnissenund Genüssen des Lebens zu abstrahiren, und die Aufmerksamkeitum des Zweckes willen ganz auf das Mittel zu wenden, welche wirsonst bei den Säugethieren und auch bei den Affen nicht leicht fin-den werden. Die Thiere bauen sich bisweilen recht künstliche Woh-nungen, aber wir haben noch nicht gesehn, dass sie sich zur Her-stellung derselben auch künstlicher Werkzeuge bedienen. Die Volks-wirtschaft sucht bekanntlich an der Herstellung des ersten Werk-zeuges das Wesen der Kapitalbildung zu entwickeln. DieserAnfang menschlicher Entwicklung war jedenfalls beim Diluvialmen-schen vorhanden. Unser heutiger Orang-Utang oder Chimpansewürde neben ihm volkswirtschaftlich ein Lump sein, ein reiner Va-gabunde. Nimmt man eine Entwicklung des Menschengeschlechtesdurch endlose Stufen an, von den unscheinbarsten organischen Formenbis zu der heutigen Periode, dann ist gewiss nicht der' kleinste Zeit-raum verflossen von da an, wo der Mensch bei einer kräftigen Or-ganisation über wohlgebildete Hände und starke Arme verfügte, biszu dem Augenblick, wo er diese Organe durch mühsam gearbeiteteKieselsteinmesser und Bärenkinnbacken unterstützte.

In der That aber finden sich auch an einigen der ältesten Stätten