426
Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
erste Kausch der grossen physischen und mathematischen Entdeckun-gen ist vorüber; und wie die Welt mit jeder neuen Entzifferung einesGeheimnisses auch neue Käthsel bot und gleichsam zusehends grösserund weiter wurde, so enthüllten sich auch im organischen Leben Ab-gründe unerforschter Zusammenhänge, an die mau vorher kaum ge-dacht hatte. Ein Zeitalter, das in vollem Ernste glauben konnte mitden mechanischen Kunststücken eines Droz und Vaucanson den Ge-heimnissen des Lebens auf die Spur gekommen zu sein, war kaumfähig, die Schwierigkeiten zu ermessen, welche sich für die mecha-nische Erklärung der psychischen Vorgänge um so höher aufgethürmthaben, je weiter mau gekommen ist. Man konnte damals noch diekindlich naive Anschauung mit der Miene einer wissenschaftlichenHypothese vortragen, dass im Gehirn jede Vorstellung ihre bestimmteFaser hätte, und dass die Schwingung dieser Fasern das Bewusstseinausmache.
Die Gegner des Materialismus wiesen freilich nach, dass zwischenBewusstsein und äusserer Bewegung eine unausfiillbare Kluft sei; alleindas natürliche Gefühl nahm an dieser Kluft nicht viel Anstoss, weilman leicht inne wird, dass sie unvermeidlich ist. In irgend einerForm kehrt der Gegensatz von Subjekt und Objekt immer wieder, nurdass er sich bei andern Systemen leichter mit einer Phrase über-brücken lässt.
Hätte man im vorigen Jahrhundert statt dieses metaphysischenEinwurfs alle die physischen Erfahrungen gemacht, die uns jetzt zuGebote stehen, so würde man den Materialismus vielleicht mit seineneignen Waffen bekämpft haben. Vielleicht auch nicht; denn dieselbenThatsachen, welche die damaligen Anschauungen vom Wesen der Ge-hirnthätigkeit beseitigen, treffen vielleicht nicht minder schwer alleLieblingsideen der Metaphysik. Es dürfte in der That kaum eineinziger Satz über Gehirn und Seele aufgestellt sein, welcher nichtdurch die Thatsachen widerlegt ist. Ausgenommen sind natürlichtheils vage Allgemeinheiten, wie z. B. dass das Gehirn für die Seeleu-tliätigkeiten das wichtigste Organ ist; theils solche Sätze, welche sichauf den Zusammenhang einzelner Theile des Gehirns mit der Thätig-keit bestimmter Nerven beziehen. Die Unfruchtbarkeit der bisherigenHirnforschungen beruht aber nur zum Tlieil auf der Schwierigkeitdes Stoffes. Der Hauptgrund scheint der gänzliche Mangel einer ir-gendwie brauchbaren Hypothese oder auch nur einer ungefährenIdee von der Natur der Hiruthätigkeit zu sein. So fallen selbst un-