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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

seine Entdeckungen machte und seine Beweise führte, war die, dasser nach einzelnen ganz auffallenden Beispielen bestimmter Eigentküm-lichkeiten suchte, wie sie bei Verbrechern, Wahnsinnigen, genialenMenschen oder bizarren Originalen leicht zu finden sind. Er suchtenun am Schädel des betreffenden Individuums eine besonders hervor-ragende Stelle. Fand sie sich, so wurde das Organ einstweilen alsentdeckt betrachtet, und nun mussten die „Erfahrung“, die verglei-chende Anatomie, die Thierpsychologie und andre Quellen zur Be-stätigung dienen. Manche Organe wurden auch lediglich nach Beob-achtungen in der Thierwelt festgestellt und sodann beim Menschenweiter verfolgt. Von strengerer wissenschaftlicher Methode ist inGalls Verfahren nicht die leiseste Spur zu entdecken; ein Umstand,der der Verbreitung seiner Lehre nicht ungünstig war. Zu dieserArt von Forschung hat Jeder Talent und Geschick; ihre Resultatesind fast immer interessant, und die „Erfahrung“ bestätigt regelmäs-sig die Lehren, welche auf solche Theorieen begründet werden. Esist dieselbe Art von Erfahrung, welche auch die Astrologie bestä-tigte, welche noch jetzt die Wirksamkeit und Heilsamkeit der meistenmedicinischen Mittel bestätigt (nicht nur der homöopathischen!) undwelche die sichtbare Hülfe der Heiligen und Götter tagtäglich in soüberraschenden Beispielen hervortreten lässt. Die Phrenologie istdeshalb in keiner schlechten Gesellschaft; sie ist nicht ein Rückfallin irgend einen fabelhaften Grad von Phantasterei, sondern nur eineFrucht des allgemeinen Bodens der Scheinwissenschaften, welche nochheute die grosse Maske dessen ausmachen, womit Juristen, Mediciner,Theologen und Philosophen zu prunken pflegen. Ihre Stellung istdadurch allerdings fatal, dass sie auf ein Gebiet fällt, welches dieAnwendung aller Cautioneu der exakten Wissenschaften ganz wohlzulässt, und dass dessenungeachtet ohne jegliche Rücksicht auf dieAnforderungen wissenschaftlicher Methode weiter gebaut wird; dochauch das hat sie wenigstens mit der Homöopathie gemeinsam.

Die heutigen Phrenologen vertheidigen ihre Meinungen in derRegel durch heftige Angriffe auf diejenigen Einwürfe, welche gegendie Scheinwissenschaft nur zu oft ohne weiteres Nachdenken hinge-worfen werden, weil Niemand sich ernsthaft mit der Sache befassenmag. Irgend einen Versuch positiver Begründung wird man dagegenin den neueren Schriften über Phrenologie vergeblich suchen. Wäh-rend Gail und Spurzheim noch in einer Zeit wirkten, wo die Me-thoden zur Erforschung solcher Fragen noch ganz unentwickelt waren,