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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

sind; es ist nämlich offenbar falsch. Die Phrenologie würde sichnicht nur, wenn sie wissenschaftlich begründet wäre, vortrefflich aufKants System pfropfen lassen, sondern sie lässt sich sogar mit je-nen veralteten Anschauungen reimen, nach welchen das Gehirn sichzur „Seele“ ungefähr verhält, wie ein mehr oder minder vollkomm-nes Instrument zu der Person, welche es spielt. Bemerkenswerth istaber immerhin, dass unsre Materialisten, und unter diesen Männer,welchen man es durchaus nicht Zutrauen sollte, sich überraschend gün-stig für die Phrenologie ausgesprochen haben. So B. Cotta, so ins-besondre auch Vogt, der in seinen Bildern aus dem Thierleben diecharakteristisch übereilten Worte schrieb: „Die Phrenologie ist alsowahr, bis in die kleinste Application hinein? Jeder Veränderungder Funktion muss eine materielle Veränderung des Organes vor-ausgegangen oder vielmehr gleichzeitig mit ihr eingetreten sein?— Ich kann nicht anders sagen, als: Wahrlich, so ist’s. Es istwirklich so.“

Der Grund dieser Hinneigung ist leicht einzusehen. Der allge-meine Satz nämlich, dass das Denken eine Hirnthätigkeit ist, kannin dieser Allgemeinheit sehr wahrscheinlich gemacht werden, ohnedass er deshalb sehr wirksam wird. Erst wenn es gelingt, dieseThätigkeit specieller zu verfolgen, sie irgendwie in Elemente zu zer-legen und in diesen Elementen noch die Uebereinstimmung des Phy-sischen und des Geistigen nachzuweisen; erst dann wird man aufdiese Anschauungsweise allgemein eiugeheu und ihr auch ein grossesGewicht bei der Bildung der gesammten Weltanschauung beilege«.Kann man vollends aus solcher Kenntniss den Charakter des Men-schen construiren, wie die Astronomie aus ihren Beweguugsgesetzendie Stellung der Himmelskörper voraus bestimmt; so kann der mensch-liche Geist auch der Theorie nicht länger widerstehen, welche solcheFrüchte hervorbriugt. Unsre Materialisten sind nun freilich nichtsolche Phantasten, dass sie der jetzigen Phrenologie diese Leistun-gen Zutrauen möchten; Vogt hat sich mehrfach in andern Schriften.«über den unwissenschaftlichen Charakter dieser Lehre ganz unzwei-deutig ausgesprochen; Büchner behandelt die Phrenologie zwar mitauffallender Schonung, räumt aber ein, dass ihr die „allerwichtig-sten wissenschaftlichen Bedenken eutgegenstehen.“ Die unglücklichen„angebornen Ideen“ werden aber selbst bis in den Schlupfwinkel einerbloss möglichen Phrenologie hinein verfolgt. Um eine Art von an-gebornen Ideen zu vernichten, welche der neueren Philosophie gänz-