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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Die neueren Naturwissenschaften.

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lieh fremd ist und nur in populären und erbaulichen Schriften undReden ihr Wesen treibt, glaubt er auch diejenigen Schlüsse bekäm-pfen zu müssen, welche man zu Gunsten der angeborueu Ideen ausder Phrenologie gezogen hat. Er übersieht dabei in der Hitze desGefechtes, dass angeborne Ideen, welche mit Nothwendigkeitaus der Structur und Zusammensetzung des Hirns hervor-gehen, mit dem consequeutesten Materialismus vollständig harmoniren;ja, dass eine solche Annahme jedenfalls weiter geht und vollständigermit seinen sonstigen Sätzen übereinstimmen würde, als der Standpunktder Locke’schen tabula rasa, bei welchem er selbst stehen bleibt.Wie aber kein namhafter neuererer Philosoph Ideen annimmt, diesich ohne alle Einwirkung der Aussenwelt entfalten oder im foetusschon fertig im Bewusstsein liegen, so dürfte auch kein Phrenologeannehmen, dass der Tonsinn sich ohne Töne, der Farbensinn ohneFarben entwickeln und in Thätigkeit treten könne. Der Streit istnur zwischen der einseitigen Anschauung Locke’s, welche das vorigeJahrhundert in einem unbegreiflichen Grade beherrschte, dass derganze geistige Inhalt durch die Sinne komme, und zwischen derandern Ansicht, nach welcher das Gehirn oder die Seele gewisseFormen mit sich bringt, durch welche die Gestaltung der Sin-neseindrücke zu Vorstellungen und Anschauungen voraus be-stimmt ist. Vielleicht hat man sich diese Formen bisweilen zu sehrals Matrizen vorgestellt, in welche das Metall für die Lettern ge-gossen wird, oder als irdene Töpfe, in welche die Sinneseindrückegleich Quellwasser gefüllt werden. Man mag dann diese Scherbenimmerhin zerschlagen, so bleibt doch noch die Wahrheit übrig, dassmaterielle Bedingungen da sind, welche auf die Bildung aller Ideenden wesentlichsten Einfluss üben. Um einem solchen Einfluss inRücksicht auf eine bloss mögliche Phrenologie entgegenzutreten, stelltBüchner die Hypothese auf, dass das Verhältniss von phrenologischenOrganen und äusseren Eindrücken auch umgekehrt sein kann, indemnämlich „zu der Zeit, wo das Gehirn in Wachsthum und Bildungbegriffen ist, durch fortgesetzte und häufige äussere Eindrücke undpsychische Thätigkeit in einer gewissen Richtung das betreffendephrenologische Organ auch materiell stärker hervorgebildet wird —ganz in derselben Weise, wie ein Muskel durch Uebung erstarkt.“— „Gut“, wird der Phrenologe sagen, „aber die Muskeln sind dochangeboren; sie sind doch auch von Geburt auf verschieden, und esist doch kaum zu leugnen, dass unter gleichen Verhältnissen ein

Lange, Gesch. <1. Mat. 28