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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Die neueren Naturwissenschaften.

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land ziemlich verbreitet ist. Es ergiebt sich dann ungefähr folgendesBild für die Vorgänge des concreten Denkens.

Jedes Organ ist für sich in seiner Weise thätig, und doch fliesstdie Thätigkeit aller zu einer Gesammtwirkung zusammen. Jedes Or-gan denkt, fühlt und will für sich; das Denken, Fühlen, Wollen desMenschen ist das Resultat der Summe dieser Thätigkeiten. In jedemOrgan giebt es mannigfache Stufen der Geistesthätigkeit. Die Em-pfindung steigert sich zur Vorstellung und endlich zur Einbildungs-kraft, je nach dem die denkende Erregungsweise des Organs schwä-cher oder stärker ist; die Gefühlsregung kann zum Enthusiasmus,der Trieb zur Begierde und endlich zur Leidenschaft werden. DieseThätigkeiten beziehen sich nur auf den Stoff, der jedem Organ natur-gemäss ist. „Jedes Geistesorgan“, sagt einer unsrer geistreichstenPhrenologen^ „spricht seine eigene Sprache und versteht nur dieSprache, die es selbst spricht; das Gewissen spricht bei Recht undUnrecht, das Wohlwollen in Mitleiden und Mitfreuden u. s. w.“ —Durch ihre Verbindung zum Ganzen ergeben sie dann die allgemei-neren Erscheinungen, wie „Verstand“, als Thätigkeit sämmtlichersechsunddreissig Denkvermögen; sie wirken aber ebenfalls bei denbestimmten einzelnen Thätigkeiten des Menschen theils antagonistisch,theils sich unterstützend, modificirend u. s. w. zusammen, wie eineMuskelgruppe bei Bewegung eines Gliedes.

Man sieht auf den ersten Blick, dass diese ganze Anschauungs-weise sich in den schattenhaftesten Abstraktionen bewegt. Gail wolltean die Stelle der gewöhnlichen Geistesvermögen natürliche und con-crete Grundlagen der Psychologie setzen. Dies gelang ihm anschei-nend in der Annahme seiner angeblichen Organe; sobald es aber andie Thätigkeit dieser Organe kommt, fängt das alte Schattenspielwieder an. Gail selbst hat sich freilich mit solchen Ausführungenwenig befasst, und noch heute ist den meisten seiner Schüler kaumklar, dass man sich doch von der Thätigkeitsweise dieser Organeeine Vorstellung muss machen können, wenn etwas erklärt sein soll.Die Phrenologie könnte sogar thatsächlich richtig sein, so weit esauf die Uebereinstimmung der Schädelbildung mit den gei-stigen Eigenschaften ankommt, ohne dass wir dadurch über dieArt der Hirnthätigkeit auch nur den geringsten Aufschlusshätten. Wenn das Hirn und mit ihm der Schädel sich bei Wohl-wollenden auf der Höhe des Vorderhaupts ausgiebig wölbt, sofolgt daraus nicht von ferne, dass die an jener Stelle liegenden

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