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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
Hirnwindungen sielt ausschliesslich mit Mitleiden, Mitfreuden u. dgl.beschäftigen.
Was ist denn überhaupt „Mitleiden“? Wenn ich ein Kind aufder Strasse gottserbärmlich heulen höre, so spüre ich ausser denSchallwellen noch eine Reihe von Empfindungen, besonders in denMuskeln der Athemwerkzeuge (daher die Alten das Gemüth in dieBrust verlegten). Dazu mag der Eine beschleunigten Herzschlag be-kommen, der Andre ein sonderbares Gefühl in der Magengegend, derDritte ein Gefühl, als müsste er mitschreien. Gleichzeitig taucht dieIdee der Abhülfe auf. Eine leise Innervation gewisser Bewegungs-muskeln macht sich geltend, als müsste ich mich umdrehen, hinwen-den, fragen was fehlte. Die Ideenassociation stellt mir die eignenKinder in Hülflosigkeit vor; mir fällt das Bild der Eltern des schrei-enden Kindes ein, die trösten möchten und nicht da sind; ich denkean Gründe — vielleicht ist das Kleine verirrt, vielleicht halb ver-hungert, erfroren oder was sonst. Endlich eile ich mit oder ohnebesondern Entschluss dem kleinen Schreihals zu Hülfe. — Ich warmitleidig, habe mich vielleicht durch unnützes Mitleid lächerlichgemacht, vielleicht auch zur rechten Zeit eingegriffen. Jedenfallswar ich so organisirt, dass die oben beschriebnen Symptome bei mirleichter und schneller eintreten, als bei Andern, wie der Eine auf denReiz des Schnupftabaks eher messen muss als der Andere. Das mo-ralische Urtheil nennt die erste Eigenschaft gut, die letzte gleich-gültig, aber physisch ist der Vorgang verwandt, wie etwa eine Zeileaus einer Symphonie Beethovens und das Stück eines Kirmessmusi-kanten, die beide aus Tonfolgen bestehen. — Was ist nun das Mit-leiden? Wurde der Klang des Kindergeschrei’s nach dem Organ desWohlwollens geleitet, welches allein diese Sprache verstand? Ent-stand in diesem Organe erst Empfindung, Regung, Trieb; dann end-lich Wille und Nachdenken? Wurde der Wille zu helfen dann ausdiesem Organ fertig zurückgeleitet in den Centralherd der Bewegung,in das verlängerte Mark, welches sich für diesen Fall dem Organdes Wohlwollens zur Disposition stellte? Bei dieser Vorstellungs-weise schiebt man ja die Schwierigkeit nur zurück. Man denkt sichdie Thätigkeit des Organs wie die eines ganzen Menschen; man hatden gedankenlosesten Anthropomorphismus, angewandt auf einzelneTheile des Menschen. Im Organ des Wohlwollens muss Alles zu-sammenlaufen; nicht nur Denken, Fühlen und Wollen, sondern auchHören und Sehen. Verzichte ich auf diesen Anthropomorphismus)