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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Die neueren Naturwissenschaften.

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doch, wie man Descar tes gegenüber überhaupt zu beweisen pflegte,dass die Thiere nicht blosse Maschinen sind! Wir können ihre Em-pfindungen als solche auch nicht sehen; wir schliessen sie nur ausden Zeichen von Schmerz, Freude, Schrecken, Zorn u. dgl., Welchemit den entsprechenden Geberden des Menschen übereinstimmen. Aberbei den geköpften Thieren finden wir zum Theil dieselben Zeichen.Wir sollten schliessen, dass sie auch ebenso mit Empfindung ver-bunden sind. Thiere, denen man das grosse Gehirn genommen,schreien oder zucken, wenn man sie kneipt. Flourens fand die desGehirns beraubten Hühner in einen Zustand von Schlaftrunkenheitversetzt und schloss daraus, dass sie nicht empfinden. DieselbenThiere konnten aber gehen und stehen. Sie erwachen, wenn mansie stösst, sie stehen auf, wenn man sie auf den Rücken legt. Jo-hannes Müller zieht daher mit Recht ganz andre Schlüsse: „Flou-rens hat zwar aus seinen Versuchen über Hinwegnahme der grossenHemisphären geschlossen, dass diese Theile allein die Centralorganeder Empfindung seien, und dass ein Thier nach der Wegnahme der-selben gar nicht empfinde. Indessen folgt dies nicht aus seinensonst so interessanten Versuchen, sondern grade das Gegentheil,wie schon Cuvier in seinem Berichte über diese Versuche bemerkthat. Es wird zwar ein Thier nach dem Verluste der Hemisphärendes grossen Gehirns stumpfsinnig, aber gleichwohl zeigt es ganzdeutliche Zeichen von Empfindung, nicht von blosser Reflexion (Re-flexthätigkeit).“

Müller fehlt nur selbst, indem er zwischen Reflexthätigkeit undEmpfindung einen Untersdhied macht, von dem wir gar nichts wissen;auch scheint er die Empfindung des seines Gehirns beraubten Thieresso ziemlich für dasselbe zu halten, was die Empfindung des gesundenThieres ist. Der Grund liegt darin, dass Müller ganz und gar inder Localisations-Theorie befangen ist. Ihm ist das verlängerte MarkCentrum des Willenseinflusses; das grosse Gehirn ist Sitz der Vor-stellungen und also des Denkens. So sagt er bei Erwähnung derUnempfindlichkeit der Hemisphären des grossen Gehirns: „der Ortdes Gehirns,, wo die Emfindungen zu Vorstellungen gestaltet, dieVorstellungen aufbewahrt werden, um gleichsam als Schat-ten der Empfindung wieder zu erscheinen, ist selbst nichtempfindlich.“ Von diesen merkwürdigen Processen wissen wir abereinfach nichts. Es ist auch sehr die Frage, ob unsre sogenannten„Vorstellungen“ irgend etwas andres sind, als Complexe sehr feiner