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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
Empfindungen. Müller lässt im verlängerten Mark das Wollen unddas Empfinden besorgen, zieht die Organe an der Basis des Gehirnsspeciell für die Sinnesempfindungen heran und lässt im grossen Ge-hirn das Denken stattfinden. Es sind also wieder Abstraktionen,denen verschiedne Provinzen angewiesen werden. Die Personifikationdes Abstraktums ist hier nicht so auffallend, als bei der Phrenologie,aber sie ist doch vorhanden. Wäre das Nachdenken des Forschersganz auf den Vorgang des Denkens, Fühlens, Wollens gerichtet, sowürde der Gedanke am nächsten liegen, das Ueberströmen der Er-regung von einem Theil des Gehirns auf den andern, die fortschrei-tende Auslösung der Spannkräfte als das Objektive des psy-chischen Aktes zu betrachten, und nicht nach Wohnsitzen der ver-schiednen Kräfte zu suchen, sondern nach den Bahnen dieser Strö-mungen, ihren Zusammenhängen und Verbindungen.
Müller führt für seine Ansicht vom grossen Gehirn unter an-dern die vergleichende Anatomie an, also das Gebiet, welches nochheute, z. B. in Vogts Vorlesungen über den Menschen, die wich-tigste, fast die alleinige Basis dieser Vorstellungsweise ist, seit diepathologische Anatomie sich so widerstrebend gezeigt hat. In derThat muss man einräumen, dass die stufenweise Entwicklung derHemisphären des grossen Gehirns in der Thierwelt mit äussersterWahrscheinlichkeit scliliessen lässt, dass in diesem bedeutungsvollenOrgan der wesentlichste Grund der geistigen Auszeichnung desMenschen zu suchen sei. Daraus folgt aber nicht, dass es auchnothwendig der Sitz der höheren Seelentliätigkeiten sei. Logischist klar, dass hier ein bedeutender Sprung worliegt. Wir wollen aberversuchen, die Sache auch anschaulich zu machen. Eine Mühle miteinem sehr grossen Weiher kann bei gleichem und im Ganzen spär-lichem Wasserzufluss regelmässiger den ganzen Sommer durch arbeiten,als eine Mühle mit sehr kleinem oder gar keinem Weiher. Sie kannauch im Notfall einmal viel Kraft zusetzen, ohne sich gleich zu er-schöpfen; sie ist überhaupt günstiger situirt, sie arbeitet vorteilhafter.Der Weiher ist der Grund dieser vorteilhafteren Arbeit, aber dieArbeit findet nicht im Weiher statt, sondern sie erfolgt durch dasAbfliessen desselben und durch das Eingreifen des Abflusses in einkünstliches Getriebe. — Da wir nur die logische Lücke zeigen undnicht selbst eine Hypothese aufstellen wollen, so fügen wir noch einandres Bild hinzu. Die einfache Buchdruckerpresse Gutenbergs lei-stete wenig im Vergleich mit unsern höchst complicirten Schnellpressen.