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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Hede sein kann.“ In dieser blossen Anlage zur späteren entwickeltenGeistestlnitigkeit sollen dann allerdings die drei Grundrichtungen der-selben lokalisirt sein. Insofern Carus diese ganze Lokalisirung imGrunde nur als Symbol eigentlnimlicher Geistesentwicklung fasst,entzieht sich sein Standpunkt der Bekämpfung, indem er sich inmetaphysische Unklarheit verliert.

Prüfen wir die Beweismittel der beiden in ihrer Anschauung sonahe verwandten Physiologen, so begegnet uns sofort jener ausge-dehnte Gebrauch der vergleichenden Anatomie, in welchem von vorn-herein der Standpunkt der Naturphilosophie mit demjenigen der po-sitiven Wissenschaft so merkwürdig verschmolzen ist. Weil die ver-gleichende Anatomie auf schärfster Auffassung des Einzelnen beruht,weil sie zur Gewinnung ihrer Anhaltspunkte, namentlich in der Ana-tomie des Nervensystems, der exaktesten Operationen bedarf, so über-tragen die Forscher nur gar zu leicht das Gefühl dieser Exaktheitauf die Schlüsse, welche sie aus der Vergleichung der entsprechendenFormen ziehen zu müssen glauben. Nun ist bei allen Schlüssen aufdas Verhältniss von Hirnbildungen zu Geistesthätigkeiten das Verfahrenan sich schon kein einfaches. ^ Man vergleicht sichtbare menschlicheOrganismen mit tliierischen. Gut; dieser Vergleich lässt die exakteMethode zu. Man kann die Vierhügelmasse eines Fisches wägen;man kann rechnen, in welchem Verhältniss bei Vögeln das Kleinhirnzur gesammten Hirnmasse steht. Man kann dies Verhältniss mit demvergleichen, welches man beim Menschen findet. So weit ist derWeg geebnet. Nun müsste ich in derselben Weise die Geistes-funktionen der Thiere kennen; diese auch unter sich und mitdenen des Menschen vergleichen; dann käme erst die schwierigsteAufgabe. Ich müsste nun nämlich auffallende Aehnlichkeiten undVerschiedenheiten des einen Gebietes gleichsam denen des andernanpassen, Grad und Regelmässigkeit des Beobachteten vergleichen,allmählig ein Netz solcher Entsprechungen finden und dadurch überdas Einzelne gewisser werden. Bei dieser Operation müsste ich dieSelbsttäuschungen vermeiden, welche unsre produktive Phantasie unsso zahlreich unterzuschieben weiss.

Doch, statt die Schwierigkeiten zu häufen, wollen wir lieber dieUnmöglichkeit des Verfahrens scharf bezeichnen. Es liegt in demMangel einer vergleichenden Psychologie. In der Psychologiekönnen wir überhaupt keine Sektionen vornehmen, nichts wägen,messen, keine Präparate vorzeigen. Namen wie Denken, Fühlen,