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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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456
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.

Mau wendet ein, dass wir über der Betrachtung blosser Sym-ptome die Sache verlieren. Ja, wenn uns Jemand zeigen könnte,dass nach Beseitigung aller der Symptome, die wir betrachten möch-ten, überhaupt noch eine Sache übrig bliebe! Man machesich doch klar, was man hinter den Nervenströmen und Spannungs-zuständen des Empfindungsaktes überhaupt noch suchen kann! Diesist entweder der subjektive Zustand des Empfindenden, oder dergeistige Werth des Empfindungsinhaltes. Den ersteren wirdnatürlich Niemand je inne werden, ausser an sich selbst, und es istbei den zahlreichen Erörterungen von Vogts berühmtem Urin-Vergleichwohl klar genug geworden, dass man nicht den „Gedanken“ als einbesondres Produkt neben den stofflichen Vorgängen ansehen kann,sondern dass eben der subjektive Zustand des empfindenden Indi-viduums zugleich für die äussere Beobachtung ein objektiver, eineMolekularbewegung ist. Dieser objektive Zustand muss nach demGesetz der Erhaltung der Kraft in die lückenlose Causalreihe einge-fügt werden. Man stelle uns diese Reihe vollständig dar!Dies muss geschehen können, ohne irgend eine Rücksicht auf densubjektiven Zustand, da dieser ja kein besondres Glied in derKette der organischen Vorgänge ist, sondern gleichsam nurdie Betrachtung irgend eines dieser Vorgänge von einerandern Seite her. Wir stossen hier zwar auf eine Grenze desMaterialismus, aber nur, indem wir ihn mit strengster ConSequenzdurchführen. Wir sind in der Tliat der Ansicht, dass in der Em-pfindung ausser und neben den erwähnten Nervenvorgängen schwer-lich irgend etwas überhaupt zu suchen ist; nur haben dieseVorgänge selbst noch eine ganz andre Erscheinungsweise, näm-lich diejenige, welche das Individuum Empfindung nennt. Es istsehr wohl denkbar, dass man einmal dahin gelangen wird, den Theilder physischen Vorgänge genauer zu bestimmen, welcher zeitlichmit dem Entstehen einer Empfindung des Individuums zu-sammenfällt. Dies würde äusserst interessant sein, und man könntegewiss nichts dagegen einwenden, wenn dieser bestimmte Theil desKreislaufes der Nervenprocesse dann schlechthin als „die Empfindung“bezeichnet würde. Eine genauere Bestimmung des Verhältnisses dessubjektiven Empfindungsvorganges zu dem objektiv beobachtetenNervenvorgang dürfte dagegen unmöglich sein.

Was nun aber den geistigen Werth des Empfindungsinhaltesbetrifft, so wird sich auch dieser in keiner Weise von der physischen