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Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart / von Friedrich Albert Lange
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457
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Die neueren Naturwissenschaften.

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Erscheinung völlig trennen lassen. Ein Meisterwerk der Bildhauer-kunst und eine rohe Copie desselben geben allerdings der Netzhautdes Betrachtenden eine ähnliche Menge von Lichtreizen, aber sobalddas Auge den Linien folgt, entstehen schon andre Bewegungsempfin-dungen in den Augenmuskeln. Dass diese nicht nach der absolutenMasse der Bewegung, sondern nach den feinsten Zahlenverhält-nissen zwischen den einzelnen Bewegungsimpulsen weiterwirken, kann uns nicht unnatürlich Vorkommen, wenn wir bedenken,welche Rolle die Zahlenverhältnisse schon in der ersten Bildung derSinnesempfindungen spielen. Freilich wird grade dieser Punkt zuden letzten und schwierigsten Räthseln der Natur gehören, aber wirhaben deshalb doch nicht die mindeste Veranlassung, das geistig Be-deutungsvolle, die künstlerisch gestaltete Empfindung oder den sinn-vollen Gedanken ausserhalb der gewöhnlichen Empfindungsprocesse zusuchen. Nur darf man freilich nicht verfahren, wie ein Mensch, derdie Melodieen, die eine Orgel spielen kann, in den einzelnen Pfeifenentdecken wollte. Selbst der abstrakteste Begriff ist in dem Subjekt,welches ihn denkt, schwerlich etwas andres als eine Summe unendlichvieler sehr verwickelt zusammenhängender Nervenimpulse, von denendie einzelnen ausserordentlich schwach sind.

Ilusclike macht einmal die treffende Bemerkung: „Währendwir denken, sprechen wir fortwährend mit. Unser Denken istein heimliches Reden, wobei auch wohl selbst die Zunge zu sym-pathischen Bewegungen mit fortgerissen wird, aber ohne weder Con-sonanten noch Vokale wirklich hervorzubringen.“ Er schreibt diesemerkwürdige Sympathie zwischen Denken und Sprechen einem Zu-sammenhang des Stirnhirns mit dem n. hypoglossus zu und vermu-tliet in consequentem Verfolg seines Vorurtheils auch einen besondrenZusammenhang des Hörnerven mit dem Stirnhirn, wobei er diedurch Longet widerlegte Ansicht festhält, dass die des grossen Ge-hirns beraubten Thiere nicht mehr hören. Er meint, die logischeIntelligenz hange genau mit der Sprache, die poetische Einbildungs-kraft dagegen mit dem Gesichtssinn zusammen. Ein etwas weiteresNachdenken über die von ihm beobachtete „Sympathie“ hätte leichtzeigen müssen, dass die Sache sich anders verhält. Denkt man denBegriff der Höhe oder Tiefe, oder irgend einer Lage im Raum, soist sehr leicht zu spüren, dass nicht nur in die Sprachorgane eineleise Innervation dringt, sondern nicht minder auch in die Augen-muskeln. Wird das Auge dabei auch still gehalten, so kann man