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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt.
den Reiz zur Bewegung doch ganz deutlich spüren. Auf der andernSeite setzt auch die poetische Einbildungskraft sehr häufig dieSprachorgane in Bewegung, und da diese Impulse sich bis ins Un-merkliche verlieren, so liegt die Vermuthung sehr nahe, dass es auchsolche giebt, welche keine gesonderte einzelne Empfindungmehr hervorrufen, und doch auf den Empfindungszustandim Ganzen Einfluss üben, wie sehr kleine Lichtpunkte, welchedas Bild einer matt erleuchteten Fläche geben.
Und wie steht es mit dieser Erscheinung bei dem Blinden, beidem Taubstummen? Er hat ähnliche Bewegungsempfindungen inden Tastorganen, oder in den Händen, insofern er mit ihnen dieFingersprache spricht. Beobachten wir uns genau, so sehen wiraber, dass solche Empfindungen auch beim Vollsinnigen nicht fehlen;nur dass hier an die Stelle einer Fingersprache, die er nicht gelernthat, leise Impulse zu den Geberden treten, mit denen eine besonderslebhaft erfasste Vorstellung thatsäcldich begleitet wird, oder zu einerZweckbewegung, die bei der Bildung der Vorstellung ihre Rolle spielte.
Verfolgt man diese Gedanken weiter, so wird eine Hypothesedaraus, die mindestens etwas besser sein dürfte, als die unglücklicheLokalisations-Hypothese, welche schon so vielfache Vergeudung tüch-tiger Kräfte verschuldet hat. Uns interessirt hier nur die Thatsache,dass die materialistische Auffassungsweise der Anthropologie einefatale Neigung hat, zu viel im einzelnen Massenelement zusuchen und zu wenig in den Zahlen Verhältnissen und der Artund Weise des Zusammenwirkens der organischen Vorgänge. Diematerialistische Physiologie hat Grosses geleistet durch das Principder Anschaulichkeit, der Fasslichkeit aller Vorgänge; aber sieführt leicht irre, wo das Wesen des Gegenstandes in mathematischenVerhältnissen besteht.
Als Sömmering entdeckt zu haben glaubte, dass das Wasserder Hirnhöhlen das wahre Seelenorgan sei, dachte man sich die Vor-stellungen darin schwimmend, wie Karpfen im Fischteich. Kantmeinte dagegen, es könne durch den Reiz der verschiednen Sinnes-nerven das Wasser in verschiedner Weise chemisch afficirt wer-den, so dass also die Wirkung jeder einzelnen Vorstellung sich durchdas ganze Organ, nur in qualitativ verschiedner Weise erstreckte.Diese beiden rohen, aber sinnlich klaren und nicht mit innerenWidersprüchen behafteten Vorstellungsweisen können uns in sehr an-schaulicher Weise zeigen, wie verschiedne Wege eine materialistische