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Plaudereien : feuilletonistische Blätter / von Reinhold Rüegg
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oder vielmehr die seinen (Rousseau'»), Leute wären, die alle Weis-heit gefressen haben, Leute von großmächtigen Grundsätzen, oderauch von jenen erhabenen, engelreinen Seelen, die bei der bloßenErscheinung des Bösen erzittern, ich würde ihre Vorurtheile nocheinigermaßen respektiren und sie gewähren lassen. Aber es sindGecken und Salonpuppen, es ist mit einem Worte der ganzehaltlose Schwärm der Leute vom sogenannten guten Ton, dersich erfrecht, ein Urtheil über die Heloise auszusprechen. Und dasollte man nicht in Zorn gerathen?" Die merkwürdige Frau,welche dem schofeln Urtheil der sogenannten Gebildeten mit diesenWorten aus's Maul schlägt, wartet noch immer auf eine ihrerwürdige Biographie. Sie war keine Emanzipirte im heutigenSinn des Wortes, aber sie besaß ein Verständniß für die Litte-ratur, welches dasjenige der meisten ihrer Landsleute weit über-ragte und sie zu einer der interessantesten Gestalten der schweize-rischen Kulturgeschichte macht.Göthe's Drama", heißt es ineinem ihrer Briefe,hat bei mir den Glauben an die AuferstehungShakespeare's erweckt. Welche Kraft, und welche Einfachheit imAusdruck. In seinem Roman (Werther) erblicke ich einen zweitenRousseau, ausgestattet mit noch größerer Kraft, noch größererLeidenschaft!" Sie stand in naher Freundschaft zu Rousseau,und in sehr intimen Beziehungen zu Martin Wieland, der be-kanntlich eine Weile als Präceptor in einem patrizischen Berner-haus sich aufhielt. In seinen Briefen spricht er eine Weile hoch-begeistert von Julie Bondeli, er betet sie an. Dann aber tritt,offenbar in Folge einer starken Taktlosigkeit von seiner Seite, einBruch ein und der Bruder Leichtfuß redet späterhin von ihr nurnoch in trocknem, geradezu'spöttischem Ton. Sein Stern warim Aufgehen; sie aber, von jeher stets kränklich, legte sich nachwenigen Jahren zum Sterben hin.

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Die Heloise wurde gleich nach ihrem Erscheinen in's Deutscheübersetzt, und zwar in ganz schrecklicher Weise. Auf diesen Aster-Uebersetzer bezieht sich das Kästner'sche Epigramm: