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Fortwährend baut man in London neue Kirchen, obschonderen gar viele sind, in welchen am Sonntag höchstens anderthalbDutzend „Geliebte im Herrn" wimmeln. Für Kirchen hat manHunderttausende, für Schulen bis jetzt noch wenig ausgeworfen,und die Zustände in den Arbeitshäusern sind mancherorts noch sohaarsträubend, daß viele Arme lieber alle Torturen des Hungersdurchmachen, ehe sie an diesen Asylen anklopfen.
Daß der englische Sonntag schauerlich langweilig ist, weißman allerorten. Früher war es dem Fremden nicht einmal er-laubt, den Ruhetag durch den Anschlag einiger Akkorde auf demKlavier zu stören; diese'Strenge hat sich merklich gemildert.
Am Samstagabend erreicht das Londoner Straßenleben seinenHöhepunkt. Tausend und tausend Hände heimsen emsig zusammen,was für den folgenden Tag, da Mensch und Vieh ausruht vonden Werken, dem Leib vonnöthen ist. Nichts kann interessanter,malerischer, pikanter sein, als ein Gang durch die vom flackerndenGaslicht erhellten, von schreienden Händlern überfüllten Gassen zuder genannten Zeit. Wenn dann um Mitternacht der Glockentonüber die Stadt hinrollt, dann weiß alle Welt, daß die Wocheihren Geist aufgegeben hat und erst nach vollen vierundzwanzigStunden wieder aufwacht. Der Fremde thut gut, wenn er sichgleich dem Londoner Bürger am Sonntag auf's Land hinausmacht, er wird bei diesem Anlaß bemerken, welch' guter Familien-vater der Engländer in der Regel ist. Freilich sind auch dieLandparthien oft herzlich langweilig, aber man schnauft dochfreier, badet sich in frischer Luft und
Jst's auch ein Loch,
Natur ist's doch.
Man erzählt, daß in einer amerikanischen Stadt etlicheTeutsche zu einer Buße verurtheilt wurden, weil sie am Sonntagnach alter, deutscher Vätersitte rechtschaffen gekneipt hatten, daß sieaber vor Gericht freigesprochen wurden, weil ihr Advokat scharf-sinnig hervorhob, es sei in ihrer Heimath Brauch, Gott denHerrn auch durch fröhlichen Trankgenuß zu loben, somit eine