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Bundesrevision nicht wenig an den Schluß einer bekannten Bal-lade erinnerte:
Das Mägdelein schmachtete entenIm bläulichen Mondcnglanz,
Der Jüngling seufzete drenten —
Sie liebten sich nur auf Distanz.
. . . Ein ungerathener Kerl war dieser Mai, ohne Grund-sätze und voll kommuner Anwandlungen, die ich ihm nur ver-zeihe, wenn einmal sicher festgestellt ist, daß ein halbes Dutzendlyrischer Dichter, welche schon den wunderschönen Monat besungen,erfroren sind. Ich selbst weiß zwar meinen eigenen Lebens-wandel auch nicht völlig rein von Friihlingsliedern, wie ja be-kanntlich noch alle großen Männer in ihrer Jugend Verse ge-macht haben, — aber ich brauche doch wenigstens nicht vor Ge-drucktem zu erröthen, mein „Ode an die grüne Natur" liegtimmer noch im Manuskript bei anderen „Werthschriften" undmuß ich es dem Takt meiner Erben überlassen, was sie damitmachen wollen. Am besten ist wohl, sie bleibt in der Familie.
Ich habe es nämlich mit dem Dichten wie jener BerlinerBarbier, der zu einem seiner Kunden sagte:
„Sehen Sie, Herr Assessor, ich bin jerade so jebildet wieSie — mich fehlen man bloß die Kenntnisse."
Die nöthigen schönen Wörter bringe ich immer in beschluß-sähiger Anzahl zusammen, und an poetischen Absichten fehltsnicht — dagegen leider an allem Uebrigen. Ob das eine weiseFügung von Oben ist, bleibt dahingestellt wie die Frage, wasnützlicher sei, ein Mausergewehr oder ein Geschäftsagent. Dochwir stehen ja beim Frühling. Wie oft habe ich, wenn wiederso ein kannibalischer Wind höhnisch durch die Gassen strich, undalle Welt, mit Ausnahme der künstlichen Weinsabrikanten, dieFlügel hängen ließ, mich gefragt, ob denn der liebe Gott auchgar nichts von Birnenblust mehr verstehe, ob er's vielleicht miteinem andern Stern versuchen wolle, dessen Bewohner den Re-spekt noch nicht abgeschafft, oder ob vielleicht seine Seligen undEngel auch bei der Abstimmung die Frühlingsvorlage verworfen