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VI Mehrdeutigkeit mythischer bilder
die neigung zu verletzenden Worten (wespenstachel) auszu-drücken. Wir reden von Spinnebeinen, aber auch vonspinnefeindschaft. An Spinneweben gemahnt uns, je nach-dem ihr eindruck aufs äuge oder auf den tastsinn in betrachtgezogen wird, bald dünnes leicht zerreissbares gedanken-gefüge, wie wenn schmutzige Spinnweben auf ketzerische irr-lehren gedeutet werden 1 , bald die Vernachlässigung und Ver-gessenheit von orten, wo die spinne ihr wesen treiben kann 2 ,wie bei Catullus 68 , 49
nec tenuem texens sublimis aranea telamin deserto Alli nomen opus faciatoder 13, 8 'tui Catulli plenus sacculus est aranearum ,bald widerliche Weichheit eines gegenständes, wie ebend. 25, 3'pene languido senis situque araneosof Nicht nur der wein,sondern auch das alter und das leben ( flos aetatis, otvGoqrjßrp;), das feuer ( flammae flos Lucr. 1, 900), die rede hatihre blume; aber damit sind die anwendungen, welche denbegriff blume im bildlichen ausdrucke gestattet, noch langenicht erschöpft 3 : so heisst 'blume’ der schwänz des hasen,die weisse schwanzspitze des hundes, der schäum einer auf-wallenden flüssigkeit, der oberste theil eines geschwüres,offenbar anwendungen, die sowohl durch die unmittelbareVergegenwärtigung des bildlichen gegenstands wie durch ver-mittelnde Vorstellungen veranlasst sind.
3 Niemand wird erwarten, dass die bilder der mythengeringere beweglichkeit haben müssten als jene veranschau-lichungsmittel der rede. Unter der himmlischen rinderherdeals ausdruck des göttlichen Schatzes haben schon die hymnen-dichter des Rigveda sich ebensosehr den regen wie das lichtgedacht. Für die erste Vorstellung bedarf es kaum eines be-weises. Ein hymnus (IV 19, 3) preist den Indra: ‘Du schlugst
1 Liber pontific. 81 p. 197, 21 Mommsen.
2 vgl. Plautus Aulul. 83 f. ‘ nam hie apud nos niliil est aliudquaesti furibus: ita inaniis sunt oppletae (hae aedes) atque araueis’.
3 Man sehe zb. die in Grimms deutsch . wBrterb. 2, 158 f. ge-gebene übersieht.