202 VI Mehrdeutigkeit mythischer bildev
Okeanos , die gesegneten heroen, denen honigsüsse fruchtdreimal im jahre reifen lässt das spelttragende land’ 1 . Indiesen beiden ältesten anspielungen auf das land der seligensind die grundlinien eines Vorstellungskreises gegeben, andessen ausbau namentlich die dichter der klagelieder (Opfjvoi)und der grabschriften, später die Verfasser der trostschriften( consolationes ) sich betheiligten. Alles, was das leben desmenschen zu verschönern vermag, wird dem jenseits zuge-theilt, je nach dem maasse der bildung bald nur die sinn-lichen freuden, bald auch die verfeinertsten geistigen ge-niisse. Die fülle des Stoffs ist zu gross, als dass hier aufdas einzelne eingegangen werden könnte. Es mag genügen,an Pindars fr. 129 und die ausführliche Schilderung im Axio-chos c. 13 p. 371 zu erinnern.
Das elend und die übel des irdischen daseins gabenfrüh Veranlassung, einen trost in dem gedanken eines glück-licheren zustandes zu suchen. Das alter hat, vermuthlichso lange es menschen gibt, dazu geneigt, die neue zeit derheranwachsenden jugend für übler und schlechter zu halten,der greis ist laudator temporis acti. So musste mit folge-richtiger fortftihrung dieses gedankens der glaube an eineglückliche, in allem Überfluss lebende, sittlich unverderbteVorzeit erwachsen, wo noch die götter unmittelbar mit denmenschen verkehrten. Und anderseits pflegt sich der vonnoth und leid bedrängte mensch dadurch zu trösten, dass ervon endlicher Wiederkehr der glücklichen Zeiten träumt, diedas beginnende menschengeschiecht gesehen haben sollte.Die färben für diese Vorstellungen waren gegeben, das götter-land lieferte sie. Die bilder von himmel und jenseits wer-den auf die erde projiciert, rückwärts und vorwärts.
Aehnlich wie unsere biblische urkunde den glückseli-gen unschuldszustand des paradieses in den anfang des men-schengeschlechts stellt, so hat die griechische sage das bilddes 'goldenen Zeitalters’ entwickelt 2 . Der herrscher dieses
1 vgl. ERohde, Psyche I 2 104 ff.
2 Eine geschmackvolle darstellung der classischen überlieferun-