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Die Sintfluthsagen / untersucht von Hermann Usener
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259
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Semitische fluthsage

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ursprüngliche ziel und damit der wahre sinn des mythus un-verfälscht bewahrt. Die äusserlich genommen ältere fassungdes keilschriftepos zeigt in diesem punkte bereits eine ab-schwächung und verflachung, wie sie im gefolge dichterischerbehandlung eintreten konnte. Sit-napistim und sein weibgehen vom bergesgipfel aus nicht in den himmel ein, son-dern werden an einen aufenthaltsort der seligen versetzt(s. 12 z. 129), wo sie fortan'gleich göttern erhaben'sind undewiger jugend gemessen. An diemündung der ströme, wosie nun leben, ist es einem menschen unmöglich zu gelangen;der weg führt an wilden filieren und den furchtbaren scor-pionenmenschen vorbei durch unwegsame und in finsternissliegende gebirge, zuletzt durch die wasser des todes. Es istein ort, wie die insein der seligen und die Elysischen ge-filde der Griechen. Schärfer entwickelte Vorstellungen vongöttern und sterblichen haben es sichtlich bewirkt, dassdichter wie der Verfasser unseres Izdubar-epos dem mensch-lichen helden nicht den himmel, sondern ein allem elendentrücktes seliges erdenland zum Wohnsitz anwiesen, wie diegriechische sage dem Menelaos, Achilleus ua. Und doch hattrotz dieser Umbildung das epos die spuren der ursprüng-lichen Vorstellung noch nicht ganz verwischt: Izdubar weiss,dass sein ahne 'das leben in der Versammlung der göttererstrebt und erlangt hat 1 . Erheblich tiefer steht in dieserhinsicht die erzählung der Genesis, insofern dort Noah nurdurch seine nachkommenschaft Stammvater des menschenge-schlechtes wird; die helden der arischen fluthsagen bewährenihre alte göttlichkeit wenigstens dadurch, dass sie selbst dasmenschengeschiecht schaffen.

Dass wir auch in der so reich entwickelten semitischenfluthsage den kern des mythischen motivs richtig herausge-schält haben, vermag ich durch das auftreten derselben vor-

1 Oben s. 8 z. 5. Auch in der ix tafel (Jeremias s. 29) heisstes von dem ahnen des Izdubar, dass er 'versetzt ist in die Versamm-lung der götter und über leben und tod entscheiden kann.