ÜBER DIE ERFORSCHUNG RELIGIÖSER MYTHEN. 371
und Bildungsgang der italischen, insbesondere der römischenGründungs-Mythen näherzukommen.
Allein von selbst leuchtet ein, dass wir die italischenMythen noch weniger als die hellenischen in reiner, ursprüng-licher Gestalt erhalten haben werden. Die Aufgabe ist daherzunächst die, zu versuchen, ihre ursprünglichste Formherzustellen, anstatt ihre späteste Gestaltung, welche siedurch griechische oder wenigstens griechisch gebildete Rhetorenund Historiker erhalten haben, zum Ausgangspunct zu nehmen.
Auch von den griechischen Mythen sind uns die aller-wenigsten in der ursprünglichen Form erhalten; sie habenfast durchweg die Umwandlung durch die Poesie erlitten.
Aber die poetische Genialität der Griechen war grossgenug, um nun aus diesen Sagen poetische Kunstwerke zuschaffen und ihre Hauptmasse in zwei grossen Kunstwerkenzu vereinigen, rein ästhetisch betrachtet sicher die vollen-detsten aller Zeiten, in Kunstwerken, deren idealer Charaktersie von selbst unsterblich machte. Nehmen wir dazu die hesio-dischen Gesänge, erwägen wir ausserdem, dass von da an der•Strom hellenischer Poesie ununterbrochen fiiesst, ewig vonneuem aus dem unversieglichen Brunnen des Mythos quel-lend, und vergleichen wir damit die Geschichte der italischenLitteratur, so wird von selbst klar, wie der, welcher ,vonder Beschäftigung mit der griechischen Mythologie zu dermit der römischen übergeht 1 , ,es in mehr als einer Hinsichtmit einer viel weniger günstigen Aufgabe zu thun hat 1 .
Mit einer viel weniger günstigen, d. h. mit einer nochschwereren Aufgabe. Aber ob desshalb auch nicht mit einerlohnenden Aufgabe?
Es gilt also auch die italischen Mythen in ihrer ur-sprünglichen Natur zu erkennen. Allein ihre geringe Zahlund mangelhafte Erhaltung ist noch lange nicht das Haupt-hindernis für ihre Erforschung. Dieses liegt in der früh-zeitigen Hellenisierung der italischen Mythen. Man ist schoneher gewöhnt an griechische Umbildung italischer Mythen inRom zu denken. Diese Hellenisierung ist aber älter als Rom
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