Vorwort.
VII
Studien verschieden. Recht reelle, solide Theologen mit aus-gesprochener Begabung sür Detailforschung und gewissenhaftemSammelfleiß beschränken sich z. B. auf ganz enge Gebiete, eon-centriren Hingebung und Scharfsinn auf eine vielleicht mikro-logische Untersuchung, liefern ein exegetisches Spccimcn, behan-deln eine einzelne kritische oder chronologische Frage und erweisensich gerade in der Beschränkung als Meister strenger Methodeund peinlicher Akribie. Obwohl nun solche Specialisten, weil sieim kleinsten Punkte die größte Kraft sammeln, etwas Rechteszu schaffen oft besonders geeignet und tüchtig sind, darum auchmeistens äußere Anerkennung und Erfolge haben, so gualisicirtsich doch nicht Jeder für diese Art wissenschaftlicher Thätigkeit.
Andere machen es sich zur Lebensaufgabe, die WeltanschauungEines hervorragenden Mannes zu interpretiren, dafür Anhängerund Jünger zu werben und das Gold der Weisheit desselben inMünzen zu prägen und in Umlauf zu setzen. Philosophen undTheologen haben mit Vorliebe solchen Cultus des Genius ge-trieben und sich zu Dolmetschern irgend eines großen Geistesgemacht, auf dessen Wort sie geschworen und dessen Bedeutungsür die Gesammtheit sie nicht selten überschätzt und übertriebenhaben. Wer darin Beruf und Befriedigung findet, der erwirbtsich durch solchen selbstlosen Dienst sicherlich ein Verdienst, undist oft schon in der Verehrung und der durch die einseitigeBeschäftigung mit einem einzelnen Vorarbeiter und Vorkämpferauf dem Felde der Wissenschaft sich natürlich steigernden Be-geisterung für denselben in sich befriedigt und belohnt. Dasselbegilt auch von Denjenigen, welche sich mit Herausgabe und Er-klärung irgend eines einzelnen Autors, der für eine Autoritätin seinem Fache gilt, beschäftigen. Doch wird ein derartigerBetrieb der Studien häufig Anlaß zu einem sogenannten „ver-balen Realismus" (vgl. über denselben Karl von Raumer's Ge-schichte der Pädagogik, Bd. 1, S. 291—297), welcher die Dingeimmer nur durch die Worte und Darstellung dritter Personenkennen lernt, anstatt an die Quelle zu gehen und mit eignenAugen zu sehen. Daher kommt denn auch jener blinde Autoritäts-glaube, der aus die Worte des Meisters schwört, heiße er nunAristoteles oder Kant, Hegel oder Schopenhauer, Schleiermacher