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Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode auf Grund vergleichender Religionsforschung / dargestellt von Edmund Spiess
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Elftes Capitel.

ortes der abgeschiedenen Seelen. Da die gesammte vorchristlicheWelt von den gleichen geologischen wie psychologischen Voraus-setzungen ausging, so gelangte sie im Ganzen auch zu denselbenFolgerungen und Annahmen in Betreff des dereinstigen Schick-sals der Seele, wie das aus allen Darstellungen des Aufent-haltsortes und Zustandes der Todten ersichtlich ist. Die Ideeder Vergeltung entwickelt sich verhältnißmäßig erst spät, da dieAlten den Begriff heiliger Götter, eines heiligen Gotteswillensoder Gesetzes und somit den eigentlichen Begriff Sünde über-haupt gar nicht kannten, sondern nur von einer Schuld wußten,in welche ein Mensch durch das Verhängniß (arp) und nichtselten auf Anstiften irgend eines neidischen, rachsüchtigen Gottesgerätst Bei Homer wird darum der Frevler noch auf der Ober-welt oder blos mit dem Tode bestraft. In der Unterwelt gibtes dagegen noch keine räumliche Scheidung der Todten zu Lohnund Strafe. Bunt durcheinander schweben iin Hades diekraft-losen, unstäten Seelen der Verstorbenen". Der Hades ist Einedunkle Ocde unten in der Erde, zu welcher Erdschlündc durchgrause Tiefen hindurch den Eingang bilden (wie am VorgebirgeTänaron in Lakonien, am Acherusischen See in Thesprotien,auf dem Bithynischen Chersonnes und anderwärts). Gedanken-los, ohne Wirksamkeit und Empfindung führen die Schatten da-selbst ein armes, gespensterhaftes Dasein. Erst mit der räum-lichen Trennung erfolgt auch eine Scheidung der Vorstellungenvon dem Zustande der Hadesbewohner. Die Seelen landen nun,nachdem sie von Charon über den Styx gesetzt sind, auf derAsphodeloswiese, welche sich unter der Erde durch das ganze Gebietdes Hades hinzieht; dort trinken sie von der Lethe, dem Wasserder Vergessenheit ein Zug, welcher der biblischen Anschauungallerdings völlig widerspricht (ol. Luc. 16, 28). Hier sitzen nunMinos und Rhadamanthys, die Söhne des Zeus und der Europa (II. 14, 321), denen von Pluto das Gericht übertragen istdenn das ist eine Forderung des menschlichen Gefühls, vor einPairsgericht gestellt zu werden und Urtheil und Gericht vonEinem zu empfangen, der unser Fleisch und Blut getragen hat(ol. Ebr. 4, 15) und senden die Gerechten in's Elysischc Ge-fild, wo sie ein glückseliges Leben führen. Die Schlechten aber