Hades und Elysium oder das Jenseits nach der Anschauung der Griechen. 289
werden den Erinnyen übergeben und an den Ort der Gottlosengeschickt, wo sie nach dem verschiedenen Grade ihrer Schuldstrenger oder weniger hart bestraft werden. Die Schilderungender Qualen des Sisyphus, des Tantalus , der Danaiden, desJxion, welche Odysseus bei seinem Besuch in der Unterweltleiden sah, gehören bekanntlich einer viel späteren Zeit an, alsder homerischen, in welcher die Vorstellungen vom Tartarus, derursprünglich nur der Kerker der Titanen war, und vom Elysiumsich noch nicht mit der des Hades vermischt hatten.
Nur ausnahmsweise war es wenigen Auserwählten be-schielten, den Tod überhaupt nicht zu schmecken, sondern sofortzu den Wohnungen der Seligen einzugehen. Sehnsucht undHoffnung finden ja noch immer den Gedanken unerträglich,daß die geliebten Todten nicht alsbald sollten selig werden;darum überfliegen sie die Kluft, welche das Diesseits von demJenseits scheidet, und suchen die Seelen der von ihnen ge-nommenen Lieben von Stund des Todes an am Orte der Ver-klärten. So durfte z. B. Menelaos, der Göttergleiche, nichtsterben. Auf seinem Heimwege von Troja weissagte ihm Proteus(0ä. 4, 561 84 g.):
„Doch Dir ist nicht geordnet, Du Göttlicher, o Menelaos,
Im roßweidenden Argos den Tod und das Schicksal zu dulden.
Nein, Dich führen die Götter dereinst an die Enden der Erde,
Zu der elysischen Flur, wo der bräunliche Held RhadamanthysWohnt , und ganz mühelos leben die Menschen.
Nimmer ist Schnee da noch Winterorkan noch Regengewitter;
Ewig weh'n die Gesäusel des leis' anhauchenden Westes,
Die Okeanos sendet, die Menschen fächelnd zu kühlen."
Wozu man Schilderungen wie Jes. 49, 10 und Apoc. 7, 15 ver-gleichen möge. Noch mehr Bevorzugte — und auch das ist jaane Analogie mit der biblischen Erzählung — erlangen aberUnsterblichkeit nnd steigen direct zum Olymp, der Wohnung derGötter selbst, empor, wie Pelops, Ganymed, Herakles .
Diejenigen dagegen, welche ein mittleres Leben geführthaben — und ihrer ist die größte Zahl — irren ewig auf dereinförmigen, traurigen Asphodeloswiese als wesenlose Dunst-gestalten umher, ohne daß ihnen je eine Seligkeit oder zumMindesten eine Ruhe befchieden wäre.
Edm., Entmicklungsgesch. d. Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode.