Hades und Elysium oder das Jenseits nach der Anschauung der Griechen. 291
ewigen Kreisen umhergetrieben wird, und die Danaiden mühensich daselbst vergeblich, ein durchlöchertes Faß zu füllen.
„Die Hölle ist leichter zu malen als der Himmel," besagtbei uns ein altes Sprichwort, und es wird behauptet, daß demDichter der „Göttlichen Komödie " die Schilderung des Inferno,der Hölle, weit besser gelungen sei als die des Himmels. Schopen-hauer („Welt als Wille und Vorstellung" I. 383) gibt in einerden Pessimisten unter den Philosophen recht kennzeichnendenWeise den Grund dafür an: „Woher anders — sagt er — hatDante den Stoff zu seiner Hölle genommen, als aus unsrerwirkliche» Welt? Als er hingegen an die Aufgabe kam, denHimmel und seine Freuden zu schildern, da hatte er eine unüber-windliche Schwierigkeit vor sich, weil eben unsre wirkliche Weltkein Material hierzu bietet." Wenigstens wird man in der That-sache, daß die Griechen und manche andre Völker sich mehr mitder Ausmalung des Hades und Tartarus befaßt haben als mitder Vorstellung eines vollkommneren Aufenthaltes und Zustandesnach dem Tode, ein Zeichen davon erblicken dürfen, daß Furchtihr Gemüth mehr erfüllte und beherrschte als Hoffnung, linddaß sie kein hinlänglich starkes Gegengewicht gegen die oft biszur Verzweiflung sich steigernde Trostlosigkeit besaßen. Werdenauch einzelne Lieblinge der Götter dem Schattenreiche entrückt,um zu der Wohnung der Seligen zu gelangen oder gar zu demSitze der Unsterblichen emporgehoben zu werden, so existirt fürdie große Masse der Menschenkinder keinerlei Aussicht auf Er-lösung und keine Ahnung von jenem Troste: „Gott will, daßAllen Menschen geholfen werde, und daß Keiner verloren gehe!
Nichtsdestoweniger finden wir schon in der homerischen Vor-stellung eine Andeutung über das Wesen der Todten, welcheauf die spätere Ansicht hinweist, daß der Zustand nach demTode ein höherer, vollkommnerer sei, als der irdische. WennOdysseus (Ocl. 10, 510 s<scj. 11, 23 scjg.*) den Todten das
*) Die eschatologischen Stellen in Od. 11 gehören allerdings, wie all-gemein anerkannt ist, der homerischen Anschauungsweise nicht an, sondernsind Interpolationen einer jüngeren Zeit.
Uebrigens bringen schon die Argonauten an der Mündung des FlussesKallichorus auf den Rath des Wahrsagers Mopsus ein Trankopfer zur Sühne