Buch 
Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode auf Grund vergleichender Religionsforschung / dargestellt von Edmund Spiess
Entstehung
Seite
301
JPEG-Download
 

Hades und Elysium oder das Jenseits nach der Anschauung der Griechen. 301

Flügel verloren haben, die werden neugeboren und zwar, jenachdem sie mehr oder weniger gesehen haben, in dem Körpereines Philosophen oder Königs oder Staatsmannes oder Arztesoder Wahrsagers oder Dichters oder Geometers oder Sophistenoder Tyrannen. Wer dann gerecht gelebt hat, erhält ein besseres,wer ungerecht, ein schlechteres Schicksal. An denselben Ort,woher die Seelen gekommen sind, gelangen sie erst nach 10,000Jahren wieder zurück. Nachdem sie nämlich das erste Lebenvollendet haben, wird über alle Gericht gehalten und sie werdenauf tausend Jahre theils znr Strafe unter die Erde, theils zurBelohnung in den Himmel versetzt. Nach Verlauf der tausendJahre haben sich die Einen wie die Andern wieder eine neueLebensweise zu wählen. Solche Seelen, welche niemals dieWahrheit ersehnt oder geschaut haben, kommen dann nicht inmenschliche Gestalt, sondern werden in Thierkörper geboren. Welcheaber das wahrhaft Seiende geschaut haben, die behalten eineErinnerung an das, was sie einst gesehen, und sobald sie etwasSchönes, Gerechtes und Vortreffliches erblicken, gerathen sie inEnthusiasmus. Die Flügel gewinnen dann Kraft und die Seeleerinnert sich dann ihres ehemaligen Zustandes, in welchem sieeinst die Schönheit und Gerechtigkeit selbst geschaut hat. (Ver-gleiche hierüber Ullnsär. 246 d und folg.).

Plato spricht in diesem Passus allerdings nur unter einemBilde von dem Wesen der Seele; aber es geht daraus doch deut-lich hervor, daß er annahm, die Seele habe ursprünglich ein demgöttlichen sehr ähnliches, körperloses Leben geführt und also vordem Eintritt in das leibliche Dasein präexistirt. Mit dieserAnnahme der Präexistenz der Seele finden wir im Phädo seineLehre von der Unsterblichkeit in engem Zusammenhang. Erunterscheidet bereits in diesem Präexistenzzustande eine göttlicheund eine menschliche Seele; diese letztere wird durch eine schlechteBegierde zum Abfall und Herabsinken aus dem himmlischen Da-sein in einen irdischen Leib verleitet. Aber auf der Erinnerungan diesen früheren vollkommneren Zustand beruht nicht nur dieSehnsucht nach der Befreiung von dem Körper, sondern auchalle Liebe zum Guten und Göttlichen.

Fragen wir nun, was Plato unter Unsterblichkeit der