Buch 
Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode auf Grund vergleichender Religionsforschung / dargestellt von Edmund Spiess
Entstehung
Seite
302
JPEG-Download
 

302

Elftes Capitel.

Seele versteht, so ergibt sich aus Stellen wie Phädo (70 U)und andern, daß er eine Fortdauer der von dem Körper ge-trennten Seele und zwar eine mit Wirksamkeit und Thätigkeitdes Denkens verbundene, statuirte. Daraus deutet auch dieAeußerung des Socrates (Ullaock. 63 0) hin, daß er nachseinem Tode zu vollkommen guten Göttern und zu gutenMenschen zu kommen hoffe, obgleich er das Letztere nicht zuversichern wage, und daß es den guten Menschen nach ihremTode besser gehen werde als den schlechten. Ebenso erklärtsich Plato für eine persönliche Fortdauer der Seele in jenemschönen Mythus von der ewigen Vergeltung, welchen er (Ulorg.522526) den Socrates erzählen und für wahr halten läßt.Nach dieser erhabenen Dichtung kommt der Fromme, meistensder Philosoph, nach seinem Tode nach den Inseln der Seligen,um dort von allem Uebel befreit in vollkommenem Glücke zu leben,der Gottlose aber nach dem Kerker der Buße und Strafe, demTartarus. Minos, Aeakus und Rhadamanthys hatten aus derAsphodeloswiese Gericht über die des irdischen Leibes entkleideten,aber mit einer Art Seelenleib angethanen, die Eindrücke desfrüheren Handelns und Leidens der Menschen an sich tragendenSeelen. Diejenigen, welche heilbare Fehler begingen, werden durchSchmerzen und Leiden von der Ungerechtigkeit befreit; die un-heilbaren Sünder aber werden zur Scheu und Warnung fürAndre bestraft. Aehnlich ist auch der Mythus , der Usx. X,614 p und folg. über das Schicksal der Gestorbenen mitgetheilt.Die Gerechten werden danach von den Richtern zur Rechten in denHimmel, die Ungerechten zur Linken hinab in die Erde verwiesen.Von diesen muß Jeder zehnfach für alles begangene Unrecht büßen;die Gerechten aber wählen sich aus dem Schooße der Lachesisneue Lebensloose. Im Phädrus nimmt Plato , wie wir obensahen, zwar auch eine persönliche, selbstbewußte Fortdauer derSeele an, aber es ist dort doch die Pythagoräische Seelenwan-derungslehre mit hineingemischt und wenn er nach dieser dieSeelen theilweise in Thierleiber übergehen läßt, so kann er con-sequenterweise dabei nicht zugleich an ein selbstbewußtes Lebender Seele nach dem Tode gedacht haben.

Als Hauptbeweis für die Unsterblichkeit der Seele gilt dem