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Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode auf Grund vergleichender Religionsforschung / dargestellt von Edmund Spiess
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303
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Hades und Elysium oder das Jenseits nach der Anschauung der Griechen. 303

Plato das Streben nach Weisheit und nach Tugend, welchesüber das irdische Leben Hinausweise; denn das Unendliche kannnicht in dem endlichen Leben erreicht werden. Wahrend es nununs als ein Postulat der Vernunft erscheint, die Unsterblichkeitals Bestimmung des Menschen überhaupt anzunehmen, schreibter die Fortdauer einseitig nur dem Philosophen zu. Die Unab-hängigkeit der Seele von dem Körperlichen hebt er dabei zwargebührend hervor; aber er geht dabei so weit, daß er den Körper,den wir gewohnt sind, als dienendes Werkzeug des Geistes zubetrachten, geradezu als Hinderniß, als das Schlechte hinstellt.

Da der unmittelbare Glaube des Socrates an eine Fort-dauer der Seele nach dem Tode im Phädon den Kebes nochzweifelhaft läßt, so läßt Plato den Socrates in jenem Dialognoch andre Beweise für die Unsterblichkeit aufstellen.*) Im Meno(8186) begegnen wir der Ansicht, daß alles Lernen ein Sich-erinnern sei an das, was wir in einem früheren

Dasein in uns aufgenommen haben; auch diese Erinnerung be-weise wie ein früheres Bestehen so auch ein späteres Fortdauernder Seele nach dem Tode. Es wird bei diesem Schlüsse allerdingsangenommen, daß die angebornen Ideen dem Menschen schon fertigmitgegeben werden, und nur von dem mehr oder weniger deut-lichen Sicherinnern hängt der Grad unsers Erkennens ab. Ueberdas Wesen der Seele läßt sich Socrates (Ulluock. 85 D) aus,indem er zuerst dem Simmias gegenüber zeigt, was die Seeleihrem Wesen nach nicht ist, und indem er darauf, um den Kebeszu widerlegen, zu einer positiven Bestimmung über das Wesender Seele und zu dem eigentlichen metaphysischen Beweise fürdie Unsterblichkeit derselben übergeht (95 o102 u). Die Seelebringe in jeden Körper das Leben; das dem Leben entgegenge-setzte sei aber der Tod; also könne die Seele nie den Tod in sichaufnehmen, als den Gegensatz dessen, was sie immer mit sichbringe. Es gehöre zu dem Begriffe der Seele zu leben, und nachdiesem ihrem Begriffe könne sie in keinem Augenblicke als nicht-

0 In der Abhandlung von M. Speck:Würdigung der PlatonischenLehre von der Unsterblichkeit der Seele" (Breslau 1853, Programm desElisabethanums), find die von Plato aufgestellten sogenannten Beweise fürdie Unsterblichkeit besonders behandelt und eingehend dargestellt.