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Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode auf Grund vergleichender Religionsforschung / dargestellt von Edmund Spiess
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Elftes Capitel.

lebend gedacht werden. Ist aber die Seele als nichtlebend nichtzu denken, so könne ihr Dasein ebenso wenig mit dem Eintritt indieses Erdenleben ansangen als mit dem Austritt aus demselbenaufhören. Im Phädrus (245 0 und folg.) wird aber die Seelegeradezu als die ruichorcai,-, als, das Sichselbstbewegende undUnentstandene bestimmt. Plato läßt dort den Socrates folgender-maßen über die Natur der göttlichen und der menschlichen Seelesprechen:Jede Seele ist unsterblich; denn das Stetsbewegteist unsterblich; was- aber Anderes in Bewegung setzt und voneinem Andern in Bewegung gesetzt wird, das erfährt, indem eseinen Stillstand der Bewegung erfährt, auch einen Stillstanddes Lebens. Nur das sich selbst Bewegende, indem es von sichselbst nicht scheidet, hört nimmer auf sich selbst zu bewegen, unddies wird auch für das Andre, was sich bewegt, Quelle undAnfang der Bewegung. Der Anfang aber ist etwas Nicht-gewordenes; denn wenn der Anfang von Etwas aus würde,würd' es kein Anfang sein. Da er aber ein Nichtgewor-denes, muß er nothwendig auch ein Unvergängliches sein,"u. s. w. u. s. w.

Die Seele erscheint bei diesem Versuch eines Beweises derUnsterblichkeit überhaupt als die über das Gebiet von Entstehenund Vergehen Hinausreichende Wesenheit, als Idee des Lebens,als Lebensprincip der Dinge. Offenbar ist in diesen und ähn-lichen Stellen nicht in dem Sinne von Unsterblichkeit die Rede,in welchem wir von christlichem Standpunkt aus ein Interesse anihr nehmen, nämlich von einer Fortdauer der einzelnen Persön-lichkeit. Es scheint vielmehr in diesem Beweise keinerlei Unter-schied mehr zwischen Idee und Seele.

Anderwärts hält Plato diesen Unterschied freilich fest. Nament-lich im Phädon*) ist die Unsterblichkeit als eine persönliche gedacht.

*)Platon's Phädon ist gleichsam der Schlußaccord, in welchem dasdurch vielerlei Widersprüche sich hindurcharbeitende Ringen des hellenischenGeistes nach Unsterblichkeit harmonisch ausklingt; hier ist das volksthümlicheBewußtsein, Religion und Mysterienlehre, sowie das Ergebniß wissenschaft-licher Forschung vereinigt; das Bedürfniß des Herzens wird als Forderungdes denkenden Geistes nachgewiesen; es ist ein Hymnus auf die Unsterblich-eit und zugleich ein Meisterwerk dialektischer Kunst, welche zu Dem zurück-