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Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom Zustande nach dem Tode auf Grund vergleichender Religionsforschung / dargestellt von Edmund Spiess
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Achtzehntes Capitel.

Erdtheile, daher die gleichen religiösen Bedürfnisse und die nämlichenreligiösen Fragen und Probleme sich immer wiederholen. Nebendiesem subjectiven Factor haben wir als objectiv wirksamen dieRealität eines Jenseits annehmen müssen, dessen Vorhandenseinsich aus den überall in dem religiösen Bewußtsein entstehenden,die Wirklichkeit abspiegelnden Vorstellungen ergibt. Ohne Gottkein Gottesbewußtsein, ohne Existenz einer andern Welt keineAhnung eines Jenseits. Eine Utopie*) kann nimmermehr derzureichende Erklärungsgrund der religiösen und insonderheit dereschatologischen Weltanschauung sein, welche sich als eine so starkeKraft in Sinnesänderung und Lebensgestaltung umsetzt.

Aus dem Aufeinanderbezogensein dieser beiden zusammen-wirkenden Ursachen, des objectiven und des subjectiven Coefficienten,werden die Ideen des Uebersinnlichen geboren. Die Bildung, Spal-tung und Ausgestaltung dieser Ideen zu religiösen Vorstellungengeschieht aber nach Gesetzen, welche ebenfalls überall dieselbensind. Unter dem Einfluß dieser Gesetze nehmen die Ideen ihrelocale und temporäre Gestalt an,werden Fleisch" und leuchtenmit stärkerer oder schwächerer Klarheit aus ihrer Umhüllunghervor. Daher kommt es, wie wir sahen, daß das Jenseits vonden Menschen nicht anders als unter der Kategorie des Raumesund der Zeit vorgestellt werden kann; daher kommt es, daß dieeschatologischen so gut wie die übrigen religiösen Vorstellungen sichals Kinder ihrer Zeit und Erzeugnisse des Bodens, auf welchemsie gewachsen sind, kennzeichnen. Daher kommt es ferner, daßman zwar in tllosi einen religiösen Kern von der denselben um-gebenden Schale unterscheiden kann, daß sich aber in xraxi dieserKern nicht leicht und nicht schiedlich von der Schale trennenläßt, weil die beiden so innig mit einander verwachsen, so wechsel-seitig durchzogen sind, daß wir die Grenze zwischen beiden nicht

*) Der berühmte englische Kanzler Thomas Morus gebrauchte das WortUtopie, zu Deutsch Nirgendswo, zuerst auf dem Titel seines Staatsromans:Os optimo rsipublioas atstu clsgua nova insnla Iltopia" (Uönsn 1516),und der österreichische General Schrebelin entwarf gegen Ende des 17. Jahr-hunderts eine humoristisch-satirischelabula lltopias" oderKarte desSchlaraffenlandes". Wäre der Himmel eine bloße Fiction, ein Phantasie-gebilde ohne Realität, so würde das menschliche Gemüth durch die Vorstellungresp. Hoffnung eines solchen wohl kaum afficirt werden.