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Achtzehntes Capitel.
Vergeltung ebenso wenig existirt, wie ein Messer ohne Klingeund Stiel. Das Christenthum setzt auch das jenseitige Lebenkeineswegs einfach voraus; nein, es gibt ausführliche, wieder-holte Belehrungen über den zu erwartenden Zustand und dieBedingungen zur Seligkeit. Bei den Synoptikern, 'bei Johannes (5, 23 flg. 11, 25 flg.), in den großen Paulinischen Briefen, jaman kann sagen in sämmtlichen Büchern des Neuen Testaments ,können wir den Glauben an ein jenseitiges, ewiges Leben nach-weisen. „Die Frömmigkeit oder Gottseligkeit hat die Verheißungdes jetzigen und des zukünftigen Lebens" (1 Tim. 4, 8), und„Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so find wir dieelendesten unter den Menschen" (1 Cor. 15, 19) — solchen leichtdurch ähnliche zu vermehrenden Stellen (2 Cor. 4, 17 flg., Act.24, 25. Luc. 16, 19 flg.) gegenüber wird man nicht wagendürfen, Sätze zu vertheidigen, wie den, daß die Annahme einesjenseitigen Lebens nicht nothwendig mit dem Christenthum ver-bunden sei. Abgesehen aber auch von einzelnen, allerdings sehrunzweideutigen Aussprüchen der Schrift, ruht das ganze Christen-thum mit seinen gesummten Anschauungen, mit seinen Prämissenund Consequenzen, mit seiner Heilsökonomie und seiner Ethik, mitseinen Einrichtungen und Hoffnungen auf der Annahme, daß fürdas menschliche Individuum wie für das menschliche Geschlechtnach dem irdischen Tode ein Zustand neuen, höheren, unendlichenSeins anbricht.
Eher könnte man darüber streiten, ob die Annahme einesjenseitigen Lebens nach dem Tode mit der Religion im Allgemeinennothwendig verknüpft sei oder nicht. Den Religionsphilosophenist es vielleicht möglich, diese Frage als Controverse zu behandelnund eventuell sie zu verneinen.*) Die vergleichende Religions-geschichte wird dagegen evident beweisen können, daß in Wirklich-keit nie eine Religion ohne eschatologische Sorgen und Vorstellungencxistirt hat, und daß die Annahme eines jenseitigen Lebens einintegrirender Bestandtheil in allen uns bekannten Religionen ist.
*) Wie das z. B. — allerdings auch mit der vorigen Frage — ge-schehen ist in der siebenten der Thesen, welche Dr. B. Pünjer zum Zweckeseiner Habilitation bei der theologischen Facultät in Jena (1876) öffentlichaufgestellt und vertheidigt hat.