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Der Tod in Venedig : Novelle / von Thomas Mann
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mittags am Meere sein Blick schwer, unverantwort-lich, unverwandt auf dem Begehrten ruhte, wenn erbei sinkendem Tage durch Gassen, in denen verheim-lichter Weise das ekle Sterben umging, ihm unwürdignachfolgte, so schien das Ungeheuerliche ihm aus-sichtsreich und hinfällig das Sittengesetz.

Wie irgendein Liebender wünschte er, zu gefallenund empfand bittere Angst, daß es nicht möglichsein möchte. Er fügte seinem Anzuge jugendlichaufheiternde Einzelheiten hinzu, er legte Edelsteinean und benutzte Parfüms, er brauchte mehrmals amTage viel Zeit für seine Toilette und kam geschmückt,erregt und gespannt zu Tische. Angesichts dersüßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn seinalternder Leib; der Anblick seines grauen Haares,seiner scharfen Gesichtszüge stürzte ihn in Schamund Hoffnungslosigkeit. Es trieb ihn, sich körperlichzu erquicken und wiederherzustellen; er besuchtehäufig den Coiffeur des Hauses.

Im Frisiermantel, unter den pflegenden Händendes Schwätzers im Stuhle zurückgelehnt, betrachteteer gequälten Blickes sein Spiegelbild.

Grau, sagte er mit verzerrtem Munde.

Ein wenig, antwortete der Mensch.Nämlichdurch Schuld einer kleinen Vernachlässigung, einerIndifferenz in äußerlichen Dingen, die bei bedeu-

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