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ES IST EROTISCHES GEBIET
als Japaner müsse er eine solche moralische Geschmacks-richtung bevorzugen. Daß freilich Kriege, zum minde-sten europäische Kriege, eine anachronistische Äuße-rungsform des menschlichen Heroismus geworden seien,liege für ihn auf der Hand. Europa müsse geeinigt wer-den, nichts sei selbstverständlicher; aber mit der Ver-einigung eines Kontinents sei ohne weiteres so weniggeschehen wie mit der Gründung eines Reiches. Nurals Bodenbereitung und Vorbedingung betrachte erdie europäische Union für ein höheres Werk, das ihmvorschwebe und das sittlich-ästhetischer Natur sei. —Was, frage ich wiederholt, sollte einem imponieren,wenn nicht dieser unprovinzielle Freiblick und unbe-fangen planende Mut, welcher politisch-wirtschaftlicheNeugestaltungen ersten Ranges betreibt, um der höherenMenschlichkeit seines Traumes Raum und Atmosphärezu schaffen?
Wir aßen zu Abend bei Weber, sprich Veber, in derRue Royale, beim Eintrachtsplatz, die schöne Häuservom Ende des 18. Jahrhunderts besitzt, in deren einemMadame de Stael gestorben ist. Es ist erotisches Ge-biet übrigens, Jagdgrund der Prostitution und nament-lich der männlich-homosexuellen, die an Umfang dervon Berlin wohl nachgerade gleichkommt. Merkwürdiggenug, wie das erotische Wissen und Verstehen desgalanten Paris (wo es freilich schon einmal einen„Roi des Mignons“ gab) sich gegen diesen Gefühls-bezirk geöffnet hat, der kürzlich noch — vom Orien-talisch-Südeuropäischen abgesehen — für etwas eigent-lich Angelsächsich-Germanisches galt. In der Literatur,bei Proust und Gide, dem Freunde Oskar Wildes, istdie Entdeckung deutlich. Hängt auch das mit der