UNORDNUNGI“
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Aufenthalt zusammenfassend schreiben will, verlangtinterviewmäßige Auskunft über meine Eindrücke, undso heißt es denn noch einmal reden, reden. Von jungerfranzösischer Literatur sodann, dem früh verstorbenenRadiguet zum Beispiel und seinem Roman aus derKriegszeit „Le diable au corps “, worin ein Fünfzehn-jähriger ein Verhältnis mit einer Frau hat, deren Gattean der Front kämpft. Pierre-Quint nennt Radiguet einfach „un petit malheureux“, aber ich möchte dieeigentümliche moralische Kälte dieser Jugend nicht mitsolchem Achselzucken abtun. Man denke etwa noch andie Episode inGides „Faux monnayeurs“, wo irgendeinjunger Mensch sich den Spaß macht, den Koffer-Depot-schein des Erzählers zu stehlen, das Gepäckstück aus-zulösen, es mit sich nach Hause zu nehmen, es zu öff-nen, zu durchstöbern, sich einen Anzug daraus an-zueignen, die intimen Tagebücher zu lesen, dieer ebenfalls darin findet und die ihn über das Liebes-ieben seines Opfers unterrichten. Die Frechheit nochweiter treiben, heißt freilich fast schon mit ihr ver-söhnen: Der Witzbold begibt sich, angetan mit demgemausten Anzug, zu jener Frau, wo er sein Opfer zufinden erwartet und auch findet - munter tritt er ihmunter die Augen und begegnet vollem Verständnis fürseine Schelmerei. Denn der Schriftsteller, weit entfernt,Wut aufzubringen über den absolut schamlosen Ein-bruch in sein Leben, fühlt sich ganz einfach „6norm6-ment amus6“.
Was ist das? „Unordnung“! Man kann nicht umhin,zu denken, daß, andeutungsweise gesagt, das geistigeFrankreich, spät erreicht von der Welle analytischerund weltverändernder Erschütterung, die über uns alle
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