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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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XVI. Die Reformation.

klugen Augen des fröhlichen Weltweifen von Nürnberg gerade noch,bevor fchwere Körperleiden deffen Kraft zu beugen vermochten undbevor der irdifche Staub, den die kirchlichen Stürme alsbald auf-wirbelten, ihm den klaren Blick getrübt hatte. Indefs die letzte Seuchein Nürnberg wüthete und Diirer in den Niederlanden war, lebte Pirk -heimer zu Neunhof , auf dem Gute feines Schwagers Geuder heiteremNaturgenufs und entwarf dort am i. September 1521 jenes claffifcheBild feines Landlebens: »Ex secessu nostro Neopagano« für Bern-hard Adelmann von Adelmannsfeld. Und wenn ihn das leidigePodagra plagte, fo begegnete er dem Feinde 1522 mit der, Batinifisgewidmeten Lobrede: »Apologia seu laus podagrae«. Darauf begehrteer feine Entlaffung aus dem Rathe der Vaterftadt; üe wurde ihm nurungern am 8. April 1523 gewährt. Unerquicklich ward ihm nun mehrund mehr alles, was um ihn her gefchah. Er hatte halb und halbmit der Welt abgefchloffen, 'als er Dürer 1524 für fein Bildnifs dieInfchrift dictierte: Vivitur ingenio, caetera mortis erunt 1 ). Deralternde Humanift fah fchliefslich die Pflege der fchönen Wiffen-fchaften durch die Reformation bedroht. Selbft an der Begründungder neuen, fpäter Gymnafium genannten gelehrten Schule nahm erkeinen rechten Antheil; fle fchien ihm zu einfeitig zur Förderungdes neuen Glaubens beftimmt. Der Staatsmann erfchrak vor denGewaltfamkeiten und Unordnungen, welche Luthers Lehre in feinernächften Umgebung hervorrief; die Entfeffelung der Leidenfchaftenim Bauernkriege machte ihn vollends bedenklich. Daneben kamenFamilienverhältniffe ins Spiel. Seine gelehrten Schweftern und feinedrei Töchter, die fleh dem geiftlichen Stande gewidmet hatten, mufstendie Gehäfsigkeit der Bürgerfchaft gegen ihre Klöfter gar bitter empfin-den. Vergebens nahm fich Pirkheimer der Verfolgten an. SolcheStimmführer des neuen Kirchenregiments, wie der brutale PredigerOfiander, waren ihm tief verhafst; ja er zerfiel in diefen Händeln fogarmit dem alten Freunde Lazarus Spengler , dafs er ihn bereits 1524»einen ftolzen Schreiber ohne alle Ehrbarkeit« nennen konnte i ). Undfo gerieth der vornehme, reiche und gelehrte Rathsherr allmählig zurReformation in eine Stellung, ähnlich derjenigen des Erasmus vonRotterdam. Aus einem erfolgreichen Vorkämpfer derfelben wardPirkheimer ihr ein ohnmächtiger Gegner.

Zu vorfchnell erfcheint jedoch die Annahme, als ob Dürer , derfchlichte Bürger, dem patrizifchen Freunde auf diefem feinen Rück-

1) Der Gedanke erinnert felir an dieGrabfchriil, welche Pirkheimer nachmalsDürern fetzte. Ein Gemälde im Mufeum

zu Amfterdam ift Copie nach dem Kupfer-flieh.

2) Vergl. oben S. 122.