Haarlocke. Todlenklage.
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würdig war, nur das Berte zu fehn, nicht gezwungen wäre, dasSchlimmfte zu erleben. So ruhe der denn in Frieden bei feinenVätern, Amen« 1 )! An Melanchton gelangte die erfte Kunde von DürersTode aus Frankfurt . Er wollte die Schreckenspoft nicht glauben.Als er darauf deren Beftätigung aus Nürnberg erhielt, fafste er feinenKummer in die wenigen Worte an Camerarius : »Es fchmerzt mich,Deutfchland eines folchen Künrtlers, eines folchen Mannes beraubtzu fehen« 2 ).
Wie kühl geht dagegen Erasmus von Rotterdam über das Ereig-nifs hinweg. Kurz zuvor hatte er Dürer erft den Dank abgeftattet,den er ihm zwei Jahre früher beim Empfange feines geftochenenBildniffes und zum Lohne dafür verfprochen hatte. Er hatte fich damiteben nicht beeilt; Pirkheimer aber unterliefs es nicht, ihn fleifsig daranzu mahnen. Im März 1528 erfchien denn Erasmus Schrift über dierichtige Ausfprache des Lateinifchen und Griechifchen, welche folgendeStelle über Dürer enthält: »Dürers Namen kenne ich feit langer Zeitals errte Berühmtheit in der Kunft der Malerei. Einige nennen ihnden Apelles unterer Tage. Ich aber meine, lebte Apelles heute, erwürde als ehrlicher Mann Dürer die Palme iiberlaffen haben. Apelles bediente fich zwar weniger und anfpruchslofer Farben, aber doch derFarben. Dürer jedoch, obgleich auch fonft zu bewundern: wasdrückt er nicht einfarbig, d. i. in fchwarzen Linien aus? Schattenund Licht, Glanz, Hervortreten und Zurückweichen; dazu je nachder Lage nicht blofs die fich gerade darbietende Seite eines Dinges,er beobachtet auch vollkommen Symmetrie und Harmonie. Ja er weifsauch das gar nicht Darftellbare, als P'euer, Strahlen, Gewitter, Blitz,Wetterleuchten und Nebel, wie fie fagen, auf die Leinwand zu zaubern;alle Leidenfchaften, die ganze aus dem Körper hervorleuchtendeSeele des Menfchen, ja faft die Sprache felbft. Das alles ftellt ermit jenen fchwarzen Linien fo glücklich dem Auge dar, dafs demBilde eine Unbill widerführe, wenn man es mit Farben übergienge.Irt es nicht bewundernswürdiger ohne den buhlerifchen Reiz der Farbendas zu leiften, was Apelles mit Hilfe derfelben gdeiftet hat« :! )?
1) I)e Durcro sane pium est optimo virocomlolere: tuum vero est gralulari, 11I quemChristus tarn instructum et beato (ine lulitex bis temporibus turbuleiilissimis, et forteadhuc lurbulentioribus futuris, ne quidignus fuit non nisi optima videre, cogere-tur pessima videre. Quiescal igitur inpace cum suis patribus, Amen. Ebenda-
felbft S. 268.
2) Epistolm ad Joach. CamerariumLeipz. 1569. S. 93: De Dureri mortefama citius huc e Francofordia, quam eNorimberga perlata est, sed ego nolcbamtantam rem credere. Doleo tali et viro etartefice Germanium orbatam esse.
3) Erasmus, De recte latini grteeique
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