5io
XVII. Krankheit, Tod und fchriftliclier Naclilafs.
hunderte lang hinter der italienifchen und franzöfifchen Befeftigungs-kunfl zurück, erhob fich aber fchliefslich über diefelben in dem fo-genannten Neupreufsifchen Syfteme. Leitet man nun diefes mit Rechtauf Dürers Grundlagen zurück, dann wäre der Meifter allerdings aufdiefem Gebiete feiner Zeit weit vorangeeilt. Eine lateinifche Ueber-fetzung feines Buches, von Camerarius , erfchien 1535 zu Paris ; einNachdruck des Originals 1603 zu Arnheim . Eine neue Ausgabe mithiftorifchen und fachmännifchen Erläuterungen ward 1823 in Berlin veranftaltet; eine Prachtausgabe in franzöfifcher Ueberfetzung 1870in Paris '}.
Gleichzeitig mit diefem Buche und als eine künftlerifche Neben-frucht derfelben Studien entftand der grofse Holzschnitt: die Belage-rung einer feften Stadt, der auch die Jahreszahl 1527 trägt (B. 137).Derfelbe befteht aus zwei nebeneinander zu legenden Querblättern undift an Feinheit der Ausführung ein wahres Meifterflück der Form-fchneidekunft. Man fieht links das ungeheure, halbrunde Bollwerkeiner Stadt, gegen welches in der weiten, ebenen Landfchaft die Heer-haufen der Belagerer anrücken. Alle drei Waffen find vertreten, vor-nehmlich aber die Landsknechte, die mit ihren langen Spiefsen im Geviertdaher marfchieren. Vorne am Rande des Grabens find einige P'ähn-lein bereits im Handgemenge mit den Belagerten, die einen Ausfallgemacht haben, während man rechts im Nachtrabe' den Trofs mitProviant und Viehherden erblickt und im Hintergründe das Hoch-gericht mit Galgen und Rad und brennende Ortfchaften. Das reicheBild, welches Dürer hier entfaltet, follte in die Betrachtung feinerBefeftigungskunfl ftets mit einbezogen werden. Nebft feinem Kunft-werthe dient es gewiffermafsen als Beifpiel einer praktifchen An-wendung feiner Theorie. Es ift dasfelbe Blatt, welches in alten Ver-zeichniffen als Dürers Wien bezeichnet wird; man deutete nämlichdie Darftellung auf die Belagerung Wiens durch die Türken, welcheerft 1529, im zweiten Jahre nach der Vollendung des Holzfchnittesftattfand. Auf den blofs ideellen Zufammenhang des weltgefchicht-liclien Plreigniffes mit Dürers Befeftigungslehre wurde bereits oben hin-gewiefen. Daneben verdient noch eine Federzeichnung in der Ambro-fiana zu Mailand Beachtung; fie zeigt ein rundes Caftell, das zwifcheneinem Felfenabhang und dem Meeresufer liegt. Es ift fornit eineAnficht jener Art von „Claufen“, welche Dürer auch in feinem Buchebefchreibt und welche ihm den Ruhm eines Erfinders der Fortbefefti-gung eingetragen hat.
1) A. D. Instruction sur la fortification traduit par A. Ratheau. Heller S. 994—96.