Ueber das Schöne, Wahre und Gute.
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Das äfthetifche Urtheil erfcheint Dürer zwar bis zu einem gewiffenGrade und ausnahmsweife als das Ergebnifs einer befonderen Be-gabung, es bleibt aber fortwährend etwas Unficheres und Subjectives;es bedarf daher des Correctives durch das Urtheil anderer: »Keinerglaube fich felbft zu viel, denn viele merken mehr als Einer, wiewohl das auch möglich ift, dafs einmal einer mehr verfteht, als taufendAndere, fo gefchieht es doch feiten«. Zweckmäfsigkeit und Ebenmafskommen der Schönheit zu Statten: »der Nutzen ift ein Theil derSchönheit, darum was am Menfchen unnütz ift, das ift nicht fchön.Hüte dich vor Ueberflufs! Die Vergleichung Eines gegen das Andere,das ift fchön, darum ift Hinken nicht fchön; es ift aber auch imUngleichen eine grofse Vergleichung«. Doch ift es ganz bezeichnendfür Dürer, wie für die ganze deutfche Kunft, dafs er die Idee derSchönheit als unfafsbar der freien Discuffion anheimftellt: »Ueberdas Schöne zu urtheilen, darüber ift zu rathfchlagen. Je nach Ge-fchicklichkeit mag man es in ein jegliches Ding bringen, denn wirfehen in etlichen Fällen ein Ding für fchön an, in einem anderenwäre es nicht fchön. Schön und Schöner ift uns nicht leicht zu er-kennen, denn es ift wohl möglich, dafs zwei ganz verfchiedene Bilder ge-macht werden, in jeder Hinficht ungleich, ohne dafs wir urtheilenkönnen, welches fchöner fei. Die Schönheit — was das ift, dasweifs ich nicht, wiewohl üe vielen Dingen anhängt. Wollen wir fiein unfer Werk bringen, fo kommt uns das gar fchwer an; müffendas weit zufammentragen und fonderlich in der menfchlichen Geftaltdurch alle Gliedmafsen, vorn und hinten. Man durchfucht oft zwei-oder dreihundert Menfchen, dafs man kaum eins oder zwei fchönerDinge an ihnen findet, die zu brauchen find. Darum thut es noth, fodu ein gutes Bild machen willft, dafs Du von Etlichen das Hauptnehmeft, von Anderen die Bruft, Arme, Beine, Hände und Füfse« etc.— alfo der reine Eklekticismus! Doch befcheidet fich Dürer fchliefs-lich beim Mafshalten und bei dem allgemeinen Gefchmacksurtheil:»Zwifchen Zuviel und Zuwenig ift ein rechtes Mittel, das befleifse dich zutreffen in allen deinen Werken. Etwas fchön zu heifsen, will ich hierfo fetzen, wie man das Recht gefetzt hat: was alle Welt für rechtfchätzt, das halten wir für Recht; alfo was alle Welt für fchön achtet,das wollen wir auch für fchön halten und uns das befleifsen zumachen« x )!
Das wäre alfo eine acht hiftorifche Auffaffung des Schönheits-begriffes, bei welcher Dürer um das Jahr 1512 angelangt ift; und fo
1) Jahrbücher f. Kunftw. I, 8—9.