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Mosaik zur Kunstgeschichte / von Dr. Gottfried Kinkel
Entstehung
Seite
285
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VII. Die Sophienkirche von Constantinopel. 285°

wachsen wieder je drei kleinere Gewölbe heraus, theils seitlichstützend, theils den Eingang und den Chor bedachend. Die Stützungdieser nicht so schwer drückenden Gewölbmassen ließ wieder diezierliche doppelte Säulenstellung wie in Sän Vitale zur Anwen-dung kommen, und auf den untern Säulenstellungen zogen sichum das ganze Mittelschiff reichgeschmückte Emporen für die Frauenherum, da nach orientalischem Kirchenbrauch diese einen getrenntenSitz beim Gottesdienst haben mußten. Die Nebenschiffe endlichdienten dazu, dem combinirten Kuppel- und Halbkuppelsystemkräftige Seitenstützen zu geben, damit kein Erdbeben es zerrüttenkonnte. Zu diesem Zweck waren die vier großen Tragepfeilerdurch gewaltige Gurtgewölbe mit den Strebepfeilern der massivenMauern verbunden, und jedes Nebenschiff wurde so in drei recht-eckige Säle zerschnitten, welche im untern Stock mit Kreuzgewölben,im obern, unter der Gallerie, mit kleinen runden Flachkuppelnbedeckt waren. Ein volles breites Licht erhält der Mittelraumdurch 40 große in die Kuppelwölbung selbst eingeschnittene Bogen,dann durch ähnliche aber kleinere Oeffnungen in den Halbkuppeln,endlich durch zwei Fensterreihen über einander, welche die großenFüllmauern der Tragebogen rechts und links durchbrechen. DieChornische hatte dann außerdem noch ihre eigenen sechs Fensterin zwei Reihen über einander, und ihre Wölbung war von'fünfFensterbogen durchschnitten. Die Abstufung des Lichtes wirkt sehrschön; aus der dämmerigen, innern Vorhalle schreitet man durchimmer sich steigernde Helle ins Innere, bis endlich unter derMittelkuppel durch all diese Fenster ein wahrhaft blendendes Licht-meer einströmt.

Sicher ist es auch diese Lichtfülle, welche dem Innern denmerkwürdigen Eindruck von Weite und Leichtigkeit verleiht. DieGröße des Baues ist doch eigentlich mäßig: das große Rechteckinnerhalb der Außenmanern hat 224' (preußisch) Breite und, ohnedie hinaustretende Chornische, 241' Länge. Der Gesimskranz derKuppel ist genau 100' im Durchmesser, ihr Scheitel steigt zu 179'über dem Boden. Im Vergleich mit den Kathedralen des Mittel-alters, und nun gar der Peterskirche zu Rom ist die Sophia einKirchenbau von Mittelgröße, sie löst aber glänzend die vielleicht