Buch 
Mosaik zur Kunstgeschichte / von Dr. Gottfried Kinkel
Entstehung
Seite
395
JPEG-Download
 

IX. Anfänge weltlicher Malerei in Italien auf Möbeln. 395

Auf Naxus aber steigt der entweichende Theseus unten links in's Schiff,während die Dienerin ihn. vergebens festzuhalten sucht. Dahinterrat improvistrtes Bett mit einem Vorhang auf zwei Baumstämmegehängt, deren einer noch grünes Laub hat. Vor dem Bett stehtam Boden ein geöffnetes Reise-Necessaire, in welchem man einenKamm sieht; Theseus legt offenbar Werth auf Morgentoilette.Ariadne liegt völlig nackt im Bett, der halbe Leib kommt aus derDecke hervor, und sie schläft ruhig fort, obwohl der Platz nebenihr leer geworden ist. Im Bett hat sie aber doch noch die Bindeim Haar und ein Kleinod an einem Faden um den Hals auf derBrust. In dem Ring, der oben den Betthimmel Zusammenhalt,steht eine mir unleserliche Inschrift. Viel kleiner an Umfang istdie zweite Scene: links im Hintergrund sitzt die verlassene Ariadneim bloßen Hemd, und, wie Schiffbrüchige thun, hat sie ein weißesTuch an einen Stecken gebunden und winkt damit dem abfahrendenSchiff. Den Schluß bildet Bacchus . Die Hauptpartie des ge-sammten Hintergrundes und den Vordergrund der rechten Hälftedes Bildes nimmt der Bacchuszug ein, nach rechts sich bewegend,wo Ariadne , die noch immer keine Zeit gefunden, mehr als einHemd anzuziehen, sehr theatralisch auf einem Felsen sitzt. Bacchus ist ein dicker Schlauch mit zwei Hörnchen und fährt auf einemWagen, von zwei Spalthufern .mit Drachenhälsen gezogen, die fastwie Rosse aussehen. Umgeben ist er von Bocksfüßlern, von kleinenjungen Teufeln und Weibspersonen mit dünnen Bocksbeinen, dieauch ganz verteufelt aussehen. Die ganze Suite ist spukhaft unddabei spaßig; dieser Bacchus mit seinen Fratzen wäre ein schlechterErsatz für Theseus . Hinter dem Bacchus kommt Silen, den zweiWeibsbilder auf seinem Esel unterstützen.

Die Composition dieser drei venezianischen Tafeln ist von derflorentinischen verschieden. Die Florentiner stellen die Gruppen,wie das antike Relief es thut, neben einander auf die gleiche Liniedes Vordergrundes und füllen den Hintergrund mit Architektur,welche in freier Landschaft steht. Gelegentlich kommen in diesenHintergründen wohl noch Figuren vor, aber sie sind zufälligesAusfüllsel, haben mit der Handlung nichts zu thun. Der Vene-zianer aber behandelt jede der drei Tafeln als eine große Land-