VIII
Wenn der sich zu ihr Bekennende nur die Anmassung von sich fern hält,der Stifter und Heiland einer Zukunftskunst sein zu wollen, darf er ohne Ueber-hebung das sich vorbereitende Werk als im Werden begriffen, oder vielmehr all-gemein das Kunstwerden, auffassen, und sich die Aufgabe stellen: die beidem Prozess des Werdens und Ejitstehens von Kunsterscheinungenhervortretende Gesetzlichkeit und Ordnung im Einzelnen auf-zusuchen, aus dem G efunden en al lgemein e Prin zipien, die Grund-züge einer empirischen Kunstlehre, abzuleiten.
Eine solche Lehre darf kein Handbuch der Kunstpraxis sein, denn sie zeigtnicht das Her vor bringen einer beliebigen Kunstform, sondern deren Ent-stehen; ihr ist das Kunstwerk ein Ergebniss aller bei seinem Werden thätigenMomente. Die Technik wird in ihr daher zwar einen sehr wichtigen Gegenstandzu Betrachtungen bilden, jedoch nur insofern sie das Gesetz des Kunstwerdensmit bedingt. Sie ist auch eben so wenig eine reine Geschichte der Künste; siedurchwandert das Feld der Geschichte, die Kunstwerke der verschiedenen Länderund Zeiten nicht als Thatsachen auffassend und erklärend, sondern sie gleichsamentwickelnd, in ihnen die nothwendig verschiedenen Werthe einer Funktion,die aus vielen variablen Coefficienten besteht, nachweisend, und dieses haupt-sächlich in der Absicht, das innere Gesetz hervortreten zu lassen, das durch dieWelt der Kunstformen gleich wie in der Natur waltet. So wie nämlich dieNatur bei ihrer unendlichen Fülle doch in ihren Motiven höchst sparsam ist, wiesich eine stetige Wiederholung in ihren Grundformen zeigt, wie aber diese nachden Bildungsstufen der Geschöpfe und nach ihren verschiedenen Daseinsbedingungentausendfach modificirt, in Theilen verkürzt oder verlängert, in Theilen ausgebildet,in andern nur angedeutet erscheinen, wie die Natur ihre Entwickelungsgeschichtehat, innerhalb welcher die alten Motive bei jeder Neugestaltung wieder durch-blicken, eben so liegen auch der Kunst nur wenige Normalformen und Typenunter, die aus urältester Tradition stammen, in stetem Wiederhervortreten den-noch eine unendliche Mannigfaltigkeit darbieten, und gleich jenen Naturtypen ihreGeschichte haben. Nichts ist dabei reine Willkür, sondern alles durch Umständeund Verhältnisse bedungen.
Die empirische Kunstlehre (Stillehre) ist auch nicht reine Aesthetik, oderabstrakte Schönheitslehre. Letztere betrachtet die Form als solche, ihr ist dasSchöne ein Zusammenwirken einzelner Formen zu einer Total Wirkung, die unsernkünstlerischen Sinn befriedigt und erfreut.
Alle ästhetischen Eigenschaften des Formal-Schönen sind daher auch kollek-tiver Natur; wie Harmonie, Eurhythmie, Proportion, Symmetrie u. s. w.
Die Stillehre dagegen fasst das Schöne einheitlich, als Produkt oderResultat, nicht als Summe oder Reihe. Sie sucht die Bestandtheile der Form dienicht selbst Form sind, sondern Idee, Kraft, Stoff und Mittel; gleichsamdie Vorbestandtheile und Grundbedingungen der Form.
Dieser Weg durch das Gebiet der Kunst führt auf die grössten Schwierig-keiten und im besten Fall nur zu einem Ergebnisse voll von Lücken, leeren