Einleitung. 3
wo nicht immer, Verkommenheit früherer und reicher entwickelter Kunst-zustände, wie dieses auch mit den socialen Verhältnissen derjenigen Völkerder Fall ist, hei denen wir jene angeblich ursprünglichen Kunstformenbeobachten. Wenigstens ist dieses von den Bewohnern der alten Welt,so weit sie Spuren ihres Daseins hinterliessen, nachweislich. Die rohestenStämme, die wir kennen, geben nicht das Bild des Urzustandes derMenschheit, sondern das ihrer Verarmung und Verödung zu erkennen.Vieles deutet bei ihnen auf einen Kückfall in den Zustand der Wildheitoder richtiger auf eine Auflösung des lebendigen Organismus der Ge-sellschaft in ihre Elemente hin.
So ist das Patriarchenthum der Erzväter in der Euphratebene einabgebrochenes Stück Despotenthum, wie es früher, vor Abraham, in gross-artiger staatlicher Entwicklung sicher bestanden haben musste. Wäredas Patriarchenthum die Urform der Gesellschaft, so müsste sich derselbeZustand an ihren Anfängen überall zeigen. Dieses ist aber durchausnicht der Fall; es gab und gibt zum Beispiel noch auf ähnlicher Bildungs-stufe stehende Stämme, Hirtenvölker nämlich, die das kraftlose Alterverachten und tödten, die ihre Väter braten und verzehren, wie mandiess von den wilden Herulern erzählt und wie es noch jetzt bei einigenVölkern der Südsee üblich ist.
Die Stämme, die jetzt auf den verödeten Trümmerhügeln Mesopo-tamiens ihre Heerden weiden, wissen wie Abraham nichts mehr von denZeiten, in denen ihre Väter mehr als einmal sich zu grossen und mäch-tigen socialen Verbindungen vereinigt hatten, und ihre jetzigen proviso-rischen Zeltdächer und Smalas können mit grösserem Rechte als dieSinnbilder ihrer heutigen Fried- und Heimathlosigkeit gelten, als mandazu hat, sie die Urtypen orientalischer Baukunst zu nennen.
Nicht anders verhält es sich mit den Stämmen, die von Asien ausnacheinander Europa überschwemmten. Alle trugen die Reminiscenzenfrüherer kultivirterer Zustände mit hinüber. Am wenigsten verwischtzeigen sie sich bei jenen indo-germanischen Stämmen, welche den SüdenEuropa’s zuerst bevölkerten, den Japygiern, Etruskern und Gräkoitalern.Im Norden und Westen stehen die Finnen an der Grenze der Geschichte.Sie gehörten einer in sich sehr harmonisch entwickelten Kulturform an,obschon diese über die Erfindung der Erzwaffen und Erzgeräthe hinaus-reicht. Vielleicht auch hatten sie den Gebrauch des Erzes wieder ver-gessen, wie dieses von den Neuseeländern behauptet wird, deren Geschick-lichkeit im Holzschnitzen und dem Asiatischen verwandtes Kunstgebahrenallerdings die Möglichkeit zulässig macht, dass sie auf der metalllosen