36
Drittes Hauptstück.
geben. Hier ist nur noch in Bezug auf dasselbe hervorzuheben, dass esgleichmässig für alle Fälle passt, bei denen die textile Kunst irgend An-wendung findet, und daher ebensowohl für Kleider und Gewänder, wiefür Wandtapeten, Vorhänge, Zeltdecken und Fussteppiche gültig ist,sowie es sich denn auch auf solche Werke der Kunst erstreckt, die instilistischer Verwandtschaftlichkeit zu der genannten Technik stehen.
Für Proportionalität und Symmetrie hat man bei der Orna-mentation der bekleidenden Flächen ausser dem allgemeinen oben berührtenPrinzipe noch gewisse engere Stilvorschriften zu befolgen, die verschiedensind, je nachdem die Bekleidung als aufwärts gerichtete Wand oder alsherabhängende Draperie gedacht wird.
Bei Wandbekleidungen beiderlei Art muss das Muster sich in demSinne der Proportionalität entwickeln und gleichsam abrollen. Es würdezum Beispiel dem Gesetze der Proportionalität zuwiderlaufen, wollte mangestreifte Zeuge so anwenden, dass die Streifen nicht mit der Richtungder proportionalen Entwicklung des damit bekleideten Gegenstandes liefen,sondern diese Richtung rechtwinklicht oder diagonal durchschnitten. Fastzu allen Zeiten haben die Moden die gräulichsten Verstösse gegen dieseRegel herbeigeführt; die jetzige übertrifft jedoch auch in diesem Unge-schmacke alle vorhergegangenen. Ich darf nur auf die verkehrte undungeschickte Benützung der, an sich durchaus nicht verwerflichen, — schot-tischen quarrirten Muster hinweisen. Als Plaids, vielgefältelt, sind sieerträglich; die bunte Verwirrung ihrer Muster, die übrigens ihren reintechnischen Ursprung deutlich kund geben, wird durch den Faltenwurfnicht eben verschlimmert, wenn schon dieser in seiner freien Entwicklungdurch jene bunten Quadrate seinerseits auf bedenkliche Weise gestörtwird. Nun aber benützen unsere Dandies diesen Stoff zu Beinkleidern,zu enganschliessenden Westen und Röcken, ohne zu berücksichtigen, dassalle Proportion der Gestaltung durch jene hart accentuirten, sich kreuz-weis durchschneidenden Streifen des schottischen Musters von Grund ausvernichtet werden muss. Nicht mit Unrecht waren daher bei den Grie-chen und griechisch gebildeten Römern die braccae virgatae und über-haupt die quarrirten Stoffe in jeder Anwendung als barbarische Sklaven-tracht verrufen. (Vergl. C. A. Böttiger’s kleine Schriften etc. DritterBand: Ueber die herrschende Mode der gewürfelten Stoffe. 8. 22.)
Die persisch-indischen Schleier und Shawls sind Produkte, bestimmt,in reichem Faltenwürfe als Turban das Haupt zu umhüllen oder alsGürtel zu dienen. Ein guter Theil der Stilistik dieser kostbaren Stoffeist auf diesen Zweck basirt, die verworrenen Formen, die Kontraste der