Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
96
JPEG-Download
 

96

Viertes Hauptstück.

Kopfputz des den Gott repräsentirenden Priesters auf. Es wurde dieThiermaske das frühe Symbol der Verhüllung, des Geheimnissvollen, desSchreckbaren. Oft blieb davon nichts als das besonders charakteristischeAbzeichen des Thieres übrig; z. B. die Stierhörner als Schmuck derMitra der assyrischen Herrscher, die Widderhörner als Kopfzierde derägyptischen Könige, die auch Alexander als Beherrscher Aegyptens undSohn Ammons für sich in Anspruch nahm und trug. Das furchtbareGorgeion der die Aegis schüttelnden Pallas Athene ist eine Maske.Diese war schon lange in dem Leben und in den Künsten ein bedeut-samstes Symbol, bevor die dramatische Kunst sich desselben bemächtigte;auch hier sehen wir wieder das scheinbar Raffinirteste der antiken Kunstunmittelbar auf die ursprünglichste Natur geimpft.

§• 29 .

Haut der Bäume.

Zwischen den Häuten der Bäume, nämlich der Rinde und demBaste derselben, und den Häuten der Thiere zeigt sich ein merkwürdigerRapport, der sich auf doppelte Weise bei der uns beschäftigenden Fragegeltend macht. Die Rinde, wie das Fell, musste naturgemäss sehr frühezu der Idee führen, sie, die natürliche Decke des Baumes, abzuschälenund zu Zwecken zu gebrauchen, die ihrer ursprünglichen Bestimmungverwandt waren. Nicht zu reden von jenem famosen „full dress of anIndian Lady 8 , das auf den beiden grossen Ausstellungen zu London undParis paradirte und aus einem dreieckigen Stück Baumrinde besteht, dendie Guiana-Damen sich vorschürzen, spielt die Rinde bei vielen Völkern,die schon bedeutend in der Kultur vorgerückt sind, neben den Häutender Thiere einen wichtigen Bekleidungsstoff. Hierin sind aber die nord-amerikanischen Eingebornen vielleicht am weitesten vorgeschritten, diean ihren aus Rinde und Leder gefertigten Canoes einen besonderen Kunst-stil entwickelten, der sowohl in Form wie in Farbe höchst originell ist.Man kann ihn den Gerberstil nennen, wobei die rothbraune Farbe derRinde, die der des Leders naturverwandt ist und noch ausserdem durchden Prozess des Gerbens mit letzterer identificirt wird, den Grundtonder Polychromie bildet, worauf sich dann die vier Farben blau, roth,schwarz und weiss (mit Auslassung des Gelb) an den zierlich gebändertenFugen und Nähten abheben. Aehnliche Tendenzen erkennt man in den