Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
261
JPEG-Download
 

Textile Kunst. Tapezierwesen der Alten.

261

Sehr oft tritt der Fall ein, dass Gemächer an einer oder gar an zweiSeiten ganz offen bleiben, dass ganze Wände fehlen, wie z. B. an demTablinum des römischen Hauses, das meistentheils sowohl gegen das vor-dere Atrium wie gegen das hinten liegende Peristil ganz und gar offenist und seiner Anlage nach einen doppelten Verschluss durch Draperieenals nothwendig voraussetzen lässt. Dasselbe findet sich meistens an denoecis und tricliniis, die von dem Peristil aus zugänglich sind. Wir fandengenau dieselbe Einrichtung in den chinesischen Hausanlagen, wie sie nochjetzt bestehen. (Siehe oben §. 65.)

Einen interessanten Vergleichungspunkt für die oben erwähntenniedrigen und mehr oder weniger beweglichen Abschlüsse gewähren unsdie Skulpturen und Malereien des Alterthums, auf denen die Handlungin scenischer Weise sich meistens vor Wänden von der beschriebenenArt ab wickelt; sie dienen in der bildenden Kunst zu der rein symboli-schen Andeutung des verschlossenen Raums. Viele von diesen Hinter-gründen bestehen aus Draperieen, die faltenreich zwischen Pfeilern auf-gehängt sind, z. B. auf dem bekannten Relief, welches die Hochzeit desJason mit der Glauke vor stellt, und auf späteren Vorstellungen römischerHochzeiten. 1 Andere deuten auf stehende Wände, etwa nach Art derchinesischen Wandschirme hin, wie auf der berühmten aldobrandinischenHochzeit. 2

Die zum Aufhängen solcher Draperieschirme bestimmten Gerüstehiessen scabella (davon escabeaux, fichafaudages), welche mit den obenerwähnten Theatervorhängen knarrend aus dem Fussboden des Prosceniumemporstiegen, wenn das Stück zu Ende war. So glaube ich das Scabillaconcrepant, aulaeum tollitur 3 des Cicero verstehen zu müssen. Besonders

1 In Gaetani notizie sulle antichitä e belle arti di Roma.

2 Seit der Wegwischung der Uebermalungen zeigt der ganze Hintergrund desBildes eine einzige fortlaufende Wand.

3 Cic. pro Coelio 27. Man muss sich diese Vorhänge oder vielmehr Vorschirmeües R. Theaters nicht höher denken als nothwendig ist, um die Handlung selbst fürden Beschauer auf der obersten Sitzreihe zu verstecken; die oberen Stockwerke desreich verzierten Proscenium ragten darüber hinaus und ihre Wirkung wurde durch dasVerstecken der Basis nur noch verstärkt. Dieses Moment der Wirkung war den Altensehr geläufig, sie wandten es überall an, wir dagegen können das Sinnvolle einer sol-chen Anordnung nicht begreifen und glauben das Monument recht nackt hinstellen,n ichts davon verstecken zu müssen, damit es wirke.

Ich habe bei der Inscenirung der Antigone des Sophokles, womit ich vor längererZeit in Dresden beauftragt war, ein Siparium nach römischem Vorbilde aus dem Fuss-boden emporsteigen lassen, über dem die Dekoration der Scene, in polychromer Weise