Textile Kunst. Tapezierwesen der Alten.
299
leb hatte Gelegenheit, zu Rom einer Papstkrönung beizuwohnenund dabei den Anblick aller alten Arazzi und Prachttapeten, die seitJahrhunderten in den Vestiarien des Vatikans niedergelegt sind, woraussie, wie aus jenen Thesauren des Apolloheiligthums zu Delphi, nur beigrossen Kirchenfeiern an das Licht treten. Wie die Wände des delphischenTempelvorhauses ist dann in dem Schiffe der Basilika des Apostelfürstenund ausserhalb des Heiligthums mit jenen Tapeten der Weg, den dieKrönungsprozession nehmen wird, umstellt. Durch sie erst erhält diegrossartige Ordnung der Säulen und Pfeiler des Tempels ihren richtigenMassstab, die gewundene Kolonnade des Vorhofes ihre wahre Bedeutung,wenn die Verhältnisse der stehenden Architektur über der düstergesät-tigten Farbenpracht der Teppich wand majestätisch hinausragen und sichin dem Nebel des Weihrauchs verlieren. Von allen PalastfaQaden, vonallen Balkons senken sich dann die Prachtdecken herab, mit denen jedesPatrizierhaus als Familienerbe für diese Bestimmung ausgestattet ist undderen eingewirkte Bilder nicht selten zu der Geschichte des Hauses inBezug stehen. Auch Gemälde, ganz nach antiker Weise, werden herum-getragen, und es ist bekannt, wie die grössten Meister es nicht ver-schmähten, zur Verherrlichung dieser kirchlichen Feste durch ihre Kunstdadurch mitzuwirken, dass sie derartige Prozessionsbilder malten . 1
Es ist für den gothischen Baustil bezeichnend, dass er weit wenigerals jene antike Architektur der alten Basiliken oder auch die erneuerteklassische Baukunst der Renaissance die Ausschmückungen der heiligenRäume durch Einbaue begünstigt und seinerseits auch keineswegs durchdiese in seiner Wirkung gehoben wird. Der Grund liegt zum Theildarin, dass die horizontalbegrenzten Wände der Tapete dem empor-strebenden und spitzen Prinzipe dieses Stils nicht homogen sind; zudemwill derselbe nichts von Bekleidung wissen, da sein Element eben dasnackt-e Erscheinen der funktionirenden Theile ist, da er wie der gehar-nischte Seekrebs sein Knochengerüst zur Schau tragen und es zugleichin seiner Thätigkeit hervortreten lassen soll. Auch bedarf dieser Stilzwischen sich und dem Menschen keines dritten Massstabes, da dieserfür alle Theile und für das Ganze des gothischen Baues vom Menschenund seinen Verhältnissen entnommen ist, da er schon ein ausser demWerke liegender ist, wo hingegen der antike Baustil seinen Massstab insich hat, und nicht in Beziehung zu dem Menschen, sondern in Beziehung