Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
320
JPEG-Download
 

320

Viertes Hauptstück.

Ein Stück Mauer, ähnlich der Basis der Terrasse zu Nimrud , findetsich noch auf der einen Seite des grossen Hügels von Kalah Sherghat.„Sie ist aus gut gehauenen Steinen oder Platten gebildet, die sorgfältigan einander gepasst und an den Ecken abgeschrägt sind. Oben aufdieser Mauer existiren die Zinnen noch, die in Stufen behauen und indieser Hinsicht den Zinnen der Burgen und Thürme ähnlich sind, welcheauf den Skulpturen zu Nimrud dargestellt werden.“ 1 —

Ich werde auf diese mit Stein inkrustirten assyrischen Mauerfunda-mente später zurückkommen müssen, wesshalb hier nur noch bemerktwerden mag, dass sie nicht in Kalk versetzt, sondern mit eisernen Ankernverbunden waren, und dass die Fugen und Zwischenräume, wie es scheint,mit Lehm ausgefüllt wurden.

Die grossen Terrassen, welche die Hauptmasse jener oft erwähntenkünstlichen Hügel bilden, wurden von Layard und Botta für massiveErdaufwürfe gehalten, bei denen nur die äussere Bekleidung aus Mauer-werk konstruirt sei, es hat sich aber bei späteren Untersuchungen heraus-gestellt, 2 dass auch sie aus einem Zellensysteme einander rechtwinklichtdurchkreuzender paralleler Mauern bestehen, deren Zwischenräume langeGänge bilden, die zum Theil ausgefüllt sind, zum Theil aber alsWohn-räume, Passagen, Magazine, Gefängnisse oder zu anderen Zwecken be-nützt und dafür mit Stuck oder auf andere Weise innerlich bekleidetwurden. Eben so ist die Terrasse, worauf die hohe Persepolis steht,hohl und von langen Gängen durchschnitten. Der Scheiterhaufen desHefästion hatte, wie wir oben sahen, eine ganz ähnlich konstruirte Basis.Diess sind die Favissae der Römer, die unter dem Tempel des kapito-linischen Jupiter schon aus vorrömischer Zeit bestanden. Die Griechennannten sie Syringes (Pfeifen) und konnten Aehnliches innerhalb ihrerkyklopischen Werke von Tyrins und Nauplia nachweiseil. Aus ihnenmachten die fabelnden Epigonengeschlechter die berüchtigten Labyrinthe,deren Erwähnung in den Mythen aller Länder des Mittelmeeres ein Zeug-niss mehr über die allgemeine Herrschaft eines homogenen Civilisations-und Bauprinzipes, das in einer vorgeschichtlichen Urzeit über das ganzeMittelmeergebiet verbreitet war, abgibt. Zu den merkwürdigsten vor-historischen Anlagen dieser Art, aus kolossalen Quadern gebaut undkunstgerecht gewölbt, gehört die Terrasse des Tempels zu Balbek .

1 Layard, Ninive und seine Ueberreste, deutsch von Meissner. S. 223.

2 Herr Loftus fand in der untersten Terrasse von Nimrud reich ausgestatteteGemächer mit prachtvollen, in der bekannten Weise mit Bukentauren u. dergl. ver-zierten Zugängen.