464
Viertes Hauptstück.
als diejenige Art von Glasur sein kann, die man allen marmornen Kunst-produkten, sowohl Statuen wie Architekturtheilen, nach antikem Her-kommen zu geben pflegte, zu polychromer Dekoration benützt ward, in-dem man sie abtönte und an gewissen Stellen buntfarbig variirte. 1 Icherkenne in diesem Satze die kürzeste und doch genaue Beschreibung der-jenigen Prozedur, die sich noch so deutlich in ihren Spuren an den Mar-mortempeln Athens und an vielen Statuen erkennen lässt. Hier mit einigenAuslegern an Mosaikverbrämungen zu denken, erlaubt nicht die bestimmteBedeutung des Wortes circumlinire, mit einer deckenden (zunächst flüssi-gen) Substanz ganz überziehen. 2
Zu Plinius Zeit hatte man schon bedeutende Fortschritte in dieserneuen Dekorationstechnik gemacht; — er gibt die Geschichte der Ein-lührung des Marmors in Rom . — Das erste Beispiel gab der RednerL. Crassus, der für sein Haus auf dem Palatinus sechs kleine, nur zwölfFuss hohe, Säulen von dem Hymettus bezog. Ihm folgte M. Scaurus,der während seiner Aedilität 360 Säulen zur Scenenausschmückung seinesprovisorischen Theaters herbeiholte. Er verwandte später die schönstenund grössten derselben, um das Atrium und das Peristyl seines Hausesauf dem Palatin damit zu schmücken.
Die ersten Marmorbekleidungen der Wände führte Mamurra, derpraefectus fabrorum des J. Caesar in Gallien , in seinem Hause auf demmons Coelius aus. M. Catulus erstreckte diesen Luxus zuerst auf denFussboden, er legte in seinem Hause Schwellen aus numidischem Steine.Die Theaterscene des Scaurus war unten mit Marmorkrusten belegt, derTempel des Jupiter Tonans auf dem Kapitole das erste, oder eins derersten Gebäude, die aus vollen Marmorquadern nach griechischer Kon-struktion ausgeführt wurden.
Aber das Wichtigste, was Plinius über diesen Gegenstand gibt, istseine Klage über den Verfall der Malerei, dass sie gänzlich von denMarmorn, d. h. von der polylithen Wanddekoration, aus dem Felde ge-schlagen sei: 3
„Jetzt tritt schon das Gold dafür an die Stelle und statt der Be-kleidungen der Wände mit Marmortafeln aus dem Vollen, schneidet man
1 Operosa et in modum picturae variata circumlitio.
2 Horaz sagt: Museo circumlita saxa.
3 Es ist unbegreiflich, dass Gegner der Polychromie, wie Kugler und andere,diese und die oben angeführte Stelle des Seneca citiren konnten, damit sie zu Gunstenihrer Meinung zeugten!