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Geschichte der Altniederländischen Malerei / J[oseph] A[rch.] Crowe und G. B. Cavalcaselle ; Bearb. Von Anton Springer
Entstehung
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ÄLTESTE NACHEICHTEN ÜBEB MEMLING.

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Ob wohl jemals die Legende aufhören wird, gläubigeGemüther zu finden? Sie ist erst im Laufe des vorigenJahrhunderts aufgekommen, in welchem die ganze nieder-ländische Kunstgeschichte eine Umdeutung in das Anecdoten-hafte erduldet hat, und entbehrt vollständig des historischenGrundes. Sie spricht aber zum Herzen, enthüllt in drama-tischen Zügen ein rührendes Bild vom Künstlerleben, seinenLeiden, seinen Opfern und seinem selbstvergessenenWirken, scheint so innerlich wahr, dass man sich denGlauben an die äussere Wahrheit nur ungern rauben lässt.

Wir können uns ganz wohl die Entstehung der selt-samen Gerüchte über Memling’s Schicksale denken. Esliegt etwas Geheimnissvolles, die Phantasiethätigkeit Heraus-forderndes in dem plötzlichen Auftreten Memling’s in Brügge .Bis dahin ist sein Hamen schwerlich in weiten Kreisen be-kannt gewesen. Ist die Vermuthung begründet, die ihn dieWerkstätte Rogers van der Weyden besuchen lässt, so hatwahrscheinlich der Ruhm des Lehrers das Dasein desSchülers verdunkelt. Auf kurze Zeit entwickelt er danneine glänzende Wirksamkeit, um alsbald wieder für Jahr-hunderte in völlige Vergessenheit zurückzusinken. Als nundie Erinnerung an ihn wieder auftauchte, stand man einzelnenwenigen Thatsachen gegenüber, die nach Ergänzung undErhellung riefen. Beide bot am raschesten die erfinderischePhantasie. Dass die strenge historische Kritik dazwischentrat, war um so weniger zu erwarten, als die Geschichteüberhaupt sich gegen Memling überaus grausam erwiesen hatte.

Obgleich er an Grösse und Bedeutung nur den Brüdernvan Eyck nachsteht, so war er doch schon van Mander fastganz unbekannt geblieben. Er nennt ihn unter dem grossenHaufen der „verscheyden schildere“, deren Leben er nur„stuckwijs“ kennt: „von Brugghe een utnemende meester inso vrseghen tijt, gheheeten Hans Memmelinck.“ i Lampsonius,

1 Van Mander p. 205. edit. 1617. Bl. 127 v .